Spontane Ordnung und stabilisierende Regulierung von Finanzmärkten

Projektleitung: Bernhard Emunds

Projektbearbeitung: Wolf-Gero Reichert

Laufzeit: November 2011 - März 2013

Gefördert von: Bundesbank Hauptverwaltung Frankfurt

Während die Weltfinanzkrise mittlerweile zu einer Verschuldungskrise mehrerer Industrieländer mutiert, ist die politische und regulatorische Aufarbeitung ihrer Ursachen kaum vorangekommen. Kaum gelingt es, in der Finanzwirtschaft Regeln (durch) zu setzen, welche die einzelwirtschaftlichen Akteure in ihrem risikoträchtigen Geschäftsgebaren wirklich beschränken.

In dem von der Bundesbank-Hauptverwaltung Frankfurt geförderten Projekt "Ethos und Regulierung des Investmentbanking" wurde herausgearbeitet, dass eine der Krisenursachen auch in der unzureichenden Regelbindung der regulierten finanzwirtschaftlichen Akteure liegt. Vor allem das hoch innovative Investmentbanking befördert einen scharfen Wettbewerb, der sich oft auch gegen den regulatorischen Rahmen wendet und die Finanzinstitute dazu verleitet, regulatorische Lücken auszunutzen. Zugleich stehen die Regulierungsbehörden vor einer besonderen Herausforderung: Bei der Regulierung der Finanzwirtschaft geht es nicht nur um das Verbot riskanter Praktiken und Geschäftsstrategien, sondern auch um die positive Gewährleistung einiger unverzichtbarer Funktionen der privaten Finanzwirtschaft für die Gesamtwirtschaft. So ist die Stabilität des Finanzsystems vor allem deshalb ein unersetzliches öffentliches Gut, weil die Finanzwirtschaft mit der Geldversorgung der Wirtschaftsakteure und der Abwicklung ihres Zahlungsverkehrs Aufgaben wahrnimmt, auf deren Erfüllung eine moderne Wirtschaft nicht einmal kurzzeitig verzichten kann.

Eine zentrale Aussage des Projektberichts war das Plädoyer dafür, die professionellen Überzeugungen und branchenspezifischen Normen der Finanzpraktiker systematisch in die Regulierung der Finanzwirtschaft einzubeziehen. Im Verlauf des genannten Projektes wurde deutlich, dass die Querverbindungen zwischen Ethos und Regulierung der Finanzwirtschaft nur präzise erfasst werden können, wenn es gelingt, das Verhältnis zwischen der Rationalität einzelwirtschaftlichen Handelns und seiner Kontextprägung zu klären. Ähnlich wie die Finanzpraktiker selbst geht ja auch die neoklassische Wirtschaftstheorie einfach davon aus, dass das Handeln der Akteure sich allein an den Signalen des Preissystems orientiert bzw. orientieren sollte; nur solches Handeln wird als rational bezeichnet. Faktisch richten sich die Akteure aber eben auch nach einer Reihe ungeschriebener Verhaltensregeln, deren Einhaltung durch die Marktteilnehmer die Stabilität und Funktionalität des jeweiligen Finanzmarktes gewährleisten. Aus Sicht der Ethik handelt es sich bei diesen Regeln nur um Normen einer bereichsspezifischen Sittlichkeit, die viele moralisch relevante Aspekte des durch die geregelten Bereichs unberücksichtigt lassen. Immerhin, die Beachtung dieser impliziten Regeln guten finanzwirtschaftlichen Verhaltens ist oft mit vorübergehenden Gewinneinbußen verbunden und erweist sich daher nur auf lange Frist als "rational" im ökonomischen Sinne. Offenbar gibt es ein implizites und kaum thematisiertes Interesse der Finanzpraktiker an einer wirksamen Regelordnung für den Markt, auf dem sie gerade interagieren.

Soll Ordnungspolitik im eigentlichen Sinne des Wortes an solche Regelordnungen anschließen, ist zunächst eine begriffliche Klärung erforderlich. Der ungewisse Ursprung jener Regeln und die Doppelorientierung finanzwirtschaftlichen Handelns - sowohl am Preissystem als auch an der Regelordnung - legen es nahe, dafür die Theorie spontaner Ordnungen von Friedrich August von Hayek zu rezipieren. Darin ist eine Regelordnung notwendig, damit das Preissystem als zentraler Koordinationsmechanismus einer wettbewerblichen Marktwirtschaft funktionieren kann. Zudem unterscheidet Hayek Organisationen als soziale Ordnungen, die bewusst zu einem bestimmten Zweck eingerichtet wurden, von spontanen Ordnungen. Letztere sind für ihn komplexe Phänomene, die über konvergierende Regelmäßigkeiten im Verhalten der Einzelnen entstehen und sich als stabile wechselseitige Verhaltenserwartungen in großen sozialen Zusammenhängen etablieren. Eine solche Ordnung reduziert für die Akteure das Risiko des Opportunismus und ist damit eine notwendige Voraussetzung dafür, dass es für die einzelwirtschaftlichen Akteure rational ist, ihr Handeln weitgehend an den durch das Preissystem vermittelten Daten auszurichten. Wenn solche unter den Finanzmarktakteuren spontan entstehenden, aber vergleichsweise stabilen Ordnungen für stabile und funktionale Finanzmärkte unerlässlich sind, dann steht die Regulierungspolitik vor einer grundlegenden Herausforderung: Sie kann zwar versuchen, mittels des Mediums Recht einzelne Regeln weiter zu entwickeln, aber ihre Versuche werden - aus Hayeks Sicht - nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn sie dabei die jeweiligen Charakteristika der spontan entstandenen Regeln und ihres inneren Zusammenhangs berücksichtigt.

 

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