Ältere Menschen zwischen Exklusion und Teilhabe – Empirischer Vergleich und sozialethische Reflexion dreier Wohlfahrtstaaten

Projektbearbeiter: Michael Wolff

Hauptbetreuung: Bernhard Emunds

Zeitraum: 2016-2019

In Deutschland wächst die Gruppe der Personen über 65 Jahre und die Gruppe der Kinder und Jugendlichen wird kleiner. Die materielle Armutsgefährdungsquote der (zukünftigen) Rentnerinnen und Rentner ist niedriger als bei der Gesamtbevölkerung, stieg aber in den letzten Jahren schneller. Dies sind zwei große gesellschaftliche Herausforderungen mit Auswirkungen auf die soziale Teilhabe von älteren Menschen, die für das Dissertationsprojekt hoch relevant sind. Allerdings reichen die demografischen Veränderungen sowie die Einkommenssituation zur Beurteilung der Lebenssituation älterer Menschen nicht aus. Eine differenzierte, multidimensionale Sicht soll in diesem Dissertationsprojekt mithilfe des »Teilhabeansatzes« skizziert werden, welcher im Rahmen der Sozioökonomischen Berichterstattung (soeb) von Peter Bartelheimer und Jürgen Kädtler entwickelt wurde. Dieses theoretische Konzept steht in Verbindung mit dem »Lebenslagenansatz« nach Gerhard Weisser (1898-1989).

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bildet eine positive Norm gesellschaftlicher Zugehörigkeit und ist ein notwendiger Gegenbegriff zu Exklusion. Gesellschaftliche Teilhabe wird durch soziales Handeln von Individuen im Rahmen selbstbestimmter Lebensführung (aktive »Teilnahme« an individuell präferierten Teilhabemöglichkeiten, die die Gesellschaft zur Verfügung stellt) und unter bestimmten institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen (von der Gesellschaft angestrebte »Beteiligung« aller Individuen an den relevanten kollektiven Sicherungs- und Unterstützungsverein-barungen) realisiert.

Dass gesellschaftliche Teilhabe neben dem Einkommen auch viele immaterielle Dimensionen hat, ist der Ansatzpunkt des Lebenslagenansatzes. Die verschiedenen Dimensionen von Teilhabe beeinflussen als ein Bündel die Lebenslage im Sinne eines Rahmens, innerhalb dessen sich dem Individuum unterschiedliche Handlungs-spielräume eröffnen, in denen es sein Lebensführung gestalten kann.

Das Dissertationsprojekt besteht aus drei Teilen, die aufeinander aufbauen. Im »ersten Teil« sollen in einem empirischen Vergleich die für die Lebenslage älterer Menschen relevanten materiellen und immateriellen Teilhabedimensionen Einkommen und Vermögen (Dimension Materielle Teilhabe), persönliche Gesundheit und Zugang zur Gesundheitsversorgung (Teilhabedimension Gesundheit), persönliche Wohnsituation und Wohnumfeld (Teilhabedimension Wohnen) sowie ggf. weitere Teilhabedimensionen analysiert werden. Der Ländervergleich ist angelehnt an die Wohlfahrtstypologie von Gøsta Esping-Andersen: Deutschland (konservativer Typus), Schweden (sozialdemokratischer Typus) und Schweiz (liberaler Typous). Als empirisches Datengrundlage dient die fünfte Welle des wissenschaftlichen »Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe« (SHARE) aus dem Jahr 2013.

Aufgrund wachsender politischer und wirtschaftlicher Verflechtungen zwischen europäischen Staaten ist die klassische nationalstaatliche Perspektive um eine Analyse von Interdependenzen und Differenzierungen zwischen den Nationalstaaten zu erweitern. Bei Deutschland, Schweden und der Schweiz liegen ihren nationalstaatlichen Altenpolitiken unterschiedliche Leitbilder sozialer Sicherung zugrunde und sie verfolgen auch unterschiedliche Lösungsstrategien zur Bewältigung der beschriebenen gesellschaftlichen Herausforderungen und zur Gewährleistung von sozialer Teilhabe älterer Menschen. Deren Leitbilder sollen im »zweiten Teil« des Dissertationsprojekts in systematischer Absicht historisch rekonstruiert werden.

Die Begründung der sozialethischen Reflexion im »dritten Teil« soll auf den französischen Solidarismus zurückgreifen - also auf jene sozialphilosophische Strömung, die zwischenzeitlich über die Rezeption der Jesuitenpatres Heinrich Pesch (1854-1926), Gustav Gundlach (1892-1963) und Oswald von Nell-Breuning (1890-1991) die Entwicklung der deutschsprachigen Sozialethik stark beeinflusst hat. Dabei werden normative Kriterien aus der solidaristischen Doktrin von Léon Bourgeois (1851-1925) und ihrem Kontraktualismus herausgearbeitet, welche die »kompensatorische Sozialpolitik« der dritten französischen Republik, die sowohl auf die Befriedigung individuelle Bedürfnisse als auch auf eine gesellschaftliche Integration zielte, zu begründen suchte. Anhand dieser Kriterien können die empirischen Ergebnisse des ersten Teils und die im zweiten Teil dargestellten wohlfahrtsstaatlichen Systeme und Leitbilder reflektiert werden. Auf dieser Grundlage können dann sozialpolitische Empfehlungen für eine gerechte Altenpolitik und für die Organisation von Solidarität im Alter erarbeitet werden.