Jenseits der Diskursethik

Projektleitung: Friedhelm Hengsbach SJ

Projektbearbeitung: Axel Bohmeyer

Laufzeit: 2002 - 2005  

Unter dem Titel »Jenseits der Diskursethik. Studien zur Kohärenz und Korrespondenz von Christlicher Sozialethik und Axel Honneths Theorie sozialer Anerkennung« hat Axel Bohmeyer zwischen 2002 und 2005 ein Dissertationsprojekt verfolgt.

In den 1990er Jahren haben christliche Sozialethiker in der Diskursethik eine philosophische Konzeption zur Begründung des moralischen Gesichtspunkts gefunden, mit der sie das Fach theoretisch modernisieren konnten. Mithilfe dieser Theorie-Architektur konnten sie die Probleme, die mit dem neuscholastisch-naturrechtlichen Ansatz verbunden sind, überwinden. Nach dieser Phase der Neupositionierung wurde die konzeptionelle Arbeit am eigenen Theorielayout eingestellt. Somit wurden die sozialphilosophische Kritik am diskursethischen Ansatz ausgeblendet und das Theorieprogramm Diskursethik überwiegend affirmativ rezipiert. Die bestehenden theoretischen Schieflagen der Diskursethik wurden nicht wahrgenommen, obwohl sie Gegenstand der philosophischen Auseinandersetzung um die Diskursethik sind.

Im ersten Teil der Dissertation geht es deshalb um eine kritische Auseinandersetzung mit der Diskursethik. Die im Laufe der Darlegungen aufgezeigte Bedrohung der Diskursethik, einem Programmabsturz zum Opfer zu fallen, erfordert eine Auseinandersetzung mit einer philosophischen Konzeption, die die theoretischen Leerstellen der Diskursethik durch eine Berufung auf die Theorie des Guten zu umgehen versucht.

Aus diesem Grund ist der zweite Teil der Untersuchung eine Auseinan dersetzung mit der Anerkennungstheorie Axel Honneths. Honneth versteht sein an Hegelsche Intuitionen angelehntes Theorieprojekt als ein Modell zur Bestimmung der universalen Bedingungen der menschlichen Identitätsbildung in modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften. Sein Ansatz geht mit einer starken - und für die Christliche Sozialethik attraktiven - These einher: Eine auf dem Begriff der Anerkennung gegründete Gesellschaftskritik kommt bei der normativen Rechtfertigung der Anerkennungsforderungen nicht ohne eine Konzeption des guten Lebens aus. Honneth rezipiert Hegels Anerkennungsbegriff, um eine kritische Gesellschaftstheorie zu begründen, die substanziellere Bestim mungen des Sittlichen oder des Guten geben kann als dies kantischen Gerechtigkeitstheorien möglich wäre. Systematisiert man die anerkennungstheoretische Konzeption gerade in Hinblick auf eine Abgrenzung zum Theorieansatz von Jürgen Habermas, wird das Problem des Ausgriffs auf eine Konzeption des Guten deutlich: eine offensichtlich unauflösbare Spannung zwischen Univer salismus und Kontextualismus. Um einem ethischen Relativismus zu entgehen, bleibt Honneth seinem philosophischen Stichwortgeber Hegel auch über die sozialtheoretische Explikation der Anerkennungssphären hinaus verpflichtet. Hegels Ordnung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in drei Anerkennungssphären ist das Ergebnis eines teleologischen Prozesses. Damit sind auch Anerkennungskämpfe auf ein gesellschaftliches Telos hin ausgerichtet. In einer von Honneth unterstellten moralischen Fortschrittsbewegung spielt der Hegelsche Geist, der die Geschichte zur sittlichen Vervollkommnung drängt, zwar keine Rolle; stattdessen aber ruht der Gedanke der moralischen Fortschrittskonzeption auf einer Idee des guten Lebens auf. Diese Idee des Guten soll mit den Begriffen der Autonomie und sozialen Inklusion substanziell so unbestimmt gehalten werden, dass es sich letztlich um einen formalen Begriff des Guten handelt; sie soll begrifflich aber so bestimmt und robust sein, dass der kritische Anspruch der intern verorteten Gesellschaftstheorie Honneths aufrechterhalten werden kann.

Im dritten Teil wird der anerkennungstheoretische Ansatz kategorial ausbuchstabiert. Anhand einer freilich rudimentären Phänomenologie der Missachtungserfahrungen wird gezeigt, wie sich die Anerkennungstheorie Honneths in einem konkreten gesellschaftlichen Kontext anwen den lässt und wie die von ihm vertretene moralische Fortschrittskonzeption hinsichtlich der sozialen Wertschätzung durch Arbeit aussehen könnte. Konkret wurde die Anschlussfähigkeit der Anerkennungstheorie an die Christliche Sozialethik anhand der für die Christliche Sozialethik wichtigen Begrifflichkeit der Arbeit herzustellen versucht.

Das Dissertationsprojekt wurde mit der Fertigstellung und Abgabe der Dissertationsschrift im August und der Disputation im Dezember abgeschlossen.

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