Grundlagen der Wirtschaftsethik und der Christlichen Gesellschaftsethik

Die am Nell-Breuning-Institut betriebene Gesellschaftsethik steht in der Tradition der Katholischen Soziallehre, die gerade im deutschen Sprachraum - im Unterschied zur Moraltheologie - als Institutionenethik konzipiert und betrieben wurde. Einigen Vertretern der Soziallehre gelang es, relevante gesellschaftliche Kräften in politischen Streitfragen ethisch zu beraten. Eine solche Wirkung konnten sie nur entfalten, weil sie sich ein detailliertes Verständnis der zu gestaltenden Institutionen erarbeitet hatten und neben der Studierstube auch die Arena politischer Auseinandersetzungen betraten.  

Die theoretische Grundlage ihrer ethischen Beratung war jedoch das neuscholastische Naturrecht: Deren Vertreter beanspruch(t)en, das überzeitliche Wesen der Dinge - auch der gesellschaftlicher Institutionen - erkennen und so menschliches Handeln verbindlich orientieren zu können. Der direkte Schluss vom Sein auf das Sollen, die Verwechslung partikularer Vorstellungen von einem guten Zusammenleben mit einer ewigen, in der Schöpfung bereits grundgelegten Ordnung und andere Besonderheiten dieser Naturrechtsethik machen es heute unmöglich, Gesellschaftsethik auf einer solchen theoretischen Grundlage zu betreiben.  

Deshalb schließen die Mitarbeiter des Nell-Breuning-Instituts in ihrer gesellschaftsethischen Forschung vor allem an solche Moraltheorien an, die Regeln mit einem universalen Geltungsanspruch anzielen, welche es den Menschen ermöglichen sollen, ihre eigenen - nicht selten höchst verschiedenen - Auffassungen von einem gelingen Leben zu verfolgen. Der Diskurstheorie der Moral kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Zum einen schließt sie an die Legitimationsgrundlagen demokratischer Gesellschaften an; zum anderen lässt sie in der politisch-ethischen Deliberation Platz für die produktiven Beiträge der verschiedenen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen als partikularen Ethos-Traditionen.  

Wählt man eine solche ethiktheoretische Grundlage, dann spielt die Theologie in der Gesellschaftsethik eine zweifache Rolle: Zum einen erschließt sie den moralisch legitimen Einsatz von Christen für Gerechtigkeit als Glaubenspraxis, als Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes. Zum anderen kann eine Relecture der Normvorstellungen und Handlungsmodelle der eigenen Traditionen helfen, kreative Anregungen zur Lösung aktueller politischer Streitfragen zu entwickeln.

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