Kolloquium zu "Feministischer Arbeitsforschung" am 14. Januar 2015


Am 14. Januar 2014 fand im Nell-Breuning-Institut ein Kolloquium zum Thema "Feministische Arbeitsforschung" statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellten sich nach einem Einstieg ins Thema gegenseitig verschiedene wissenschaftliche Publikationen aus drei Themenbereichen vor und diskutierten über die Inhalte: Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit anderen Lebensbereichen, Familienpolitik als Sozialpolitik und Segregation und Geschlechterungleichheit am Arbeitsmarkt.

  1. Einstieg ins Thema

Prof. Dr. Bernhard Emunds, Isabell Merkle und Erzsebet-Noemi Noje-Knollmann bereiteten unter anderem mit Texten von Adelheid Biesecker et al., Gisela Notz und Lena Corell et al. den Einstieg ins Thema und legten damit eine Grundlage für die weitere Diskussion.

Adelheid Biesecker et al. schreiben in einem Hintergrundpapier zur Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Deutschen Bundestags: „Aus der Markt- und Geldlogik folgt ein eng geführtes und ‚verkehrtes‘ Wohlstandskonzept. Der Wachstumszwang des Geldes ordnet sich den Markt und die Arbeit unter und trennt alles ab, was einer eigenen Funktionslogik gehorcht oder sich der Vermehrungsgewalt des Geldes entzieht, nämlich die soziale Reproduktion und die natürliche Regeneration, die Produktivität von Sorge und Natur. Der Prozess der Abtrennung, der Inklusion und Exklusion impliziert ein hierarchisches herrschaftliches Verhältnis, das das 'andere', das Abgetrennte ständig abwertet, unterwirft und ausbeutet. Diese durchgehende Trennungsstruktur der bestehenden kapital- und wachstumsgesteuerten Ökonomie geht einher mit einer Zweck-Mittel-Verkehrung: Geld wird vom Vermittler des Tauschs zum Selbstzweck, zur Inkarnation von Wohlstand und seiner Anhäufung. Nicht mehr Versorgung, Vorsorge und Lebenserhalt sind der Zweck von Arbeit, sondern die Produktivitäts- und Effizienzsteigerung der Warenproduktion. Der ureigenste Zweck allen Wirtschaftens, Leben zu erhalten und gutes Leben oder Lebensqualität zu erzeugen, verkehrt sich in sein zerstörerisches Gegenteil. Produktion und Konsum sind nicht mehr Mittel zum guten Leben, sondern Mittel zum Zweck der Geldvermehrung. Der Perspektivenwechsel auf Wohlstand und Wohlstandserzeugung, der deshalb notwendig wird und den wir hier vorschlagen, holt zum einen 'das Ganze der Ökonomie' als Ungetrenntes in den Blick. Er verlässt die Astronautenperspektive von oben und betrachtet Wachstumsprozesse und Wertschöpfung aus einer lebensweltlichen Perspektive von unten, in der soziale Reproduktion, Produktion und natürliche Regeneration wert- und Wohlstand schaffend miteinander verwoben sind“ (Biesecker, Adelheid/Wichterich, Christa/Winterfeld, Uta von: Feministische Perspektiven zum Themenbereich Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität. Hintergrundpapier, Bremen u.a. 2012).

Nach einer Analyse des Arbeitsverständnisses in der deutschen Gesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts, das immer noch von einer bezahlten Vollerwerbsarbeit für den Mann als Normalarbeitsverhältnis ausgeht, stellt die Soziologin und Historikerin Gisela Notz ihre Forderung nach einer Etablierung des Feministischen Arbeitsbegriffes sowohl in der Arbeitsmarktforschung und der Arbeitspolitik als auch in der Arbeitsgestaltung in den Fokus ihrer Ausführungen.

Notz spricht sich für eine gerechte und gleichberechtigte Arbeitsteilung der "(bisher) bezahlten und (bisher) unbezahlten Arbeiten" aus. Dies ist für Sie wichtig, da eine vielfältige Strukturierung der Arbeiten in allen Bereichen (Erwerbs-, Haus-, Sorge-, Pflege- und Erziehungsarbeit) zu einer Befriedigung und Selbstbestätigung der Frauen und Männern führt. Damit impliziert Sie einen Appell nicht nur an den Staat zur Bereitstellung pädagogischer, pflegerischer und bildungspolitischer Infrastruktur sondern auch an die Wirtschaft, die eine Verkürzung der Vollerwerbsarbeit auf sechs Stunden pro Tag bewerkstelligen sollte (Notz, Gisela: Von der notwendigen Arbeit und dem "Reich der Freiheit". Auch "erweiterte Arbeitsbegriffe" verlangen eine feministische Kritik, in: Dagmar Baatz/Clarissa Rudolph/Ayla Satilmis (Hg.): Hauptsache Arbeit? Feministische Perspektiven auf den Wandel von Arbeit, Münster 2004, S. 137-151).

Den bis heute bestehenden Mangel an einer ausreichend genderkompetenten Arbeitsforschung erklären Lena Corell et al. unter anderem mit dem Hinweis auf die Fixierung auf das männliche Normalarbeitsverhältnis, das noch immer als Haupt-Bezugspunkt bezüglich der Erläuterung von Arbeit, ihrem Wandel und der Divergenz zwischen Erwerbsarbeit und anderen Formen der Arbeit zu gelten hat. Die Autoren fordern deshalb dazu auf, den Begriff der Arbeit zu weiten und sie stärker an ihrer Qualität und ihrer Vereinbarkeit mit der Familie zu bemessen (Corell, Lena/Janczyk, Stefanie/Lieb, Anja: Innovative Potentiale einer genderkompetenten Arbeitsforschung, in: Dagmar Baatz/Clarissa Rudolph/Ayla Satilmis (Hg.): Hauptsache Arbeit? Feministische Perspektiven auf den Wandel von Arbeit, Münster 2004, S. 255-277).

  1. Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit anderen Lebensbereichen

Im zweiten Teil des Kolloquiums stellten Prisca Patenge und Isabell Merkle mit Texten von Stefanie Janczyk die Frage nach der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit mit anderen Lebensbereichen, wie z.B. Kindererziehung, Pflege etc., und nach möglichen alternativen Ansätzen, die Vereinbarkeit zu fördern.

In einer kritischen Stellungnahme zu den gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskursen zum Thema Work-Life-Balance weist Stefanie Janczyk auf eine zweifache Perspektivenverengung hin: Zum einen konzentriert sich die Forschung bisher vor allem auf das Problem der zeitlichen Vereinbarkeit von Beruf und Familie für berufstätige Mütter. Das verschleiert jedoch das eigentliche Problem der Work-Life-Balance: nämlich die "Tatsache, dass dem Zusammenhang von Beruf/Arbeit und Familie/Leben ein geschlechtsspezifisches und geschlechterhierarchisches Fundament innewohnt". Zum anderen transportieren aktuelle Forschungsansätze größtenteils die Vorstellung einer Harmonisierbarkeit von Beruf und Familie. Die Erkenntnisse der unterschiedlichen Funktionslogiken der Bereiche Beruf und Familie und die daraus resultierenden psychischen, sozialen und emotionalen Belastungen und Unvereinbarkeiten werden nur selten thematisiert. Nach Janczyk sind viele der gegenwärtigen Studien aufgrund dieser Perspektivenverengungen in mehrfacher Hinsicht mangelhaft: Sie setzen sich nicht oder nur am Rande mit den grundsätzlichen Unvereinbarkeiten von Beruf und Familie auseinander und vernachlässigen die Tatsache, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung eines der zentralen Vereinbarkeitsprobleme darstellt. Außerdem unterschlagen sie zum Wohle der Vorstellung der Harmonisierbarkeit der Lebensbereiche die oftmals deutliche Dominanz der betriebswirtschaftlichen Logik bzw. der Erwerbsarbeit gegenüber den anderen Lebensbereichen. Nicht zuletzt wird das Machtungleichgewicht zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, das neben dem ungleichen Verhältnis der Geschlechter und der Lebensbereiche einen dritten zentralen Aspekt der Vereinbarkeitsproblematik darstellt, marginalisiert. Die Ausrichtung der Studien führt insgesamt dazu, dass die Vereinbarkeitsproblematik nicht mehr als grundlegendes gesellschaftliches Problem wahrgenommen wird. Die Lösung liegt heute in der Veränderung infrastruktureller Rahmenbedingungen, nicht mehr in einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Damit verliert die Vereinbarkeitsdebatte ihr Potential, an bestehenden sozialen Ungleichheiten scharfe Kritik zu üben und auf ihre Änderung hinzudrängen (Janczyk, Stefanie: 'Vereinbarkeit von Beruf und Familie' und Work-Life-Balance: Über Verengungen und Ausblendungen in einer Debatte, in: Marburger Gender Kolleg (Hg.): Geschlecht Macht Arbeit, Interdisziplinäre Perspektiven und politische Intervention, Münster 2008, S. 70-84).

Stefanie Janczyk stellt in einem weiteren Text das Konzept der Soziabilität mit Blick auf die Erwerbsarbeit vor. Es handelt sich um den Versuch der Anschlussfähigkeit des Sozialen an die Erwerbsarbeit und somit um ein ganzheitliches Verständnis von Erwerbsarbeit.

Soziabilität hat drei Dimensionen: Die externe Soziabilität als das Verhältnis von Erwerbsarbeit zu anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen, die interne Soziabilität als die interne Beschaffenheit von Erwerbsarbeit mit ihrer Vereinbarkeit, den Widersprüchlichkeiten und Unvereinbarkeiten von systemischen und lebensweltlichen Logiken und die gesellschaftlich politische Dimension der Soziabilität (politische Partizipation, Erwerbsarbeit als wichtiges Medium gesellschaftlicher Inklusion und Exklusion) (Janczyk, Stefanie: Arbeit, Leben, Soziabilität. Zur Frage der Interdependenzen in einer ausdifferenzierten (Arbeits)Gesellschaft, in: Ingrid Kurz-Scherf/Lena Correll/Dies. (Hg): In Arbeit: Zukunft, Die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsforschung liegt in ihrem Wandel Münster 2005, S. 104-122).

  1. Familienpolitik als Sozialpolitik: Zwischen mehr Arbeit und mehr Familie

Im dritten Teil des Kolloquiums stellte Prof. em. Dr. Friedhelm Hengsbach zum Themenbereich Familienpolitik als Sozialpolitik einen Text von Sigrid Leitner et al. vor.

Sie legen in ihrem Aufsatz dar, dass das so genannte sozialdemokratische Wohlfahrtsmodell Frauen von unbezahlter Familienarbeit befreien sollte, um ihre Benachteiligung gegenüber erwerbstätigen Männern zu beenden. Dieses Ziel könne erreicht werden, so Leitner et al., wenn die Kinderbetreuung markt- und erwerbsförmig ausgeweitet würde. Doch die sozialpolitischen Maßnahmen erwiesen sich als ziemlich diffus und ambivalent, weil Frauen sowohl Anreize erhielten, aus der Familienarbeit auszusteigen als auch sich für sie zu entscheiden. Ihr Existenzrisiko wurde in keinem der beiden Fälle aufgehoben (Leitner, Sigrid/Ostner, Ilona/Schratzenstaller, Margit: Einleitung: Was kommt nach dem Ernährermodell? Sozialpolitk zwischen Re-Kommodifizierung und Re-Familiarisierung, in: Dies. (Hg.): Wohlfahrtsstaat und Geschlechterverhältnis im Umbruch: Was kommt nach dem Ernährermodell, Wiesbaden 2004, S. 9-27).

  1. Segregation und Geschlechterungleichheit am Arbeitsmarkt

Im Themenbereich Segregation und Geschlechterungleichheit am Arbeitsmarkt bildeten Michael Wolff und Juraj Sabados mit Texten von Karin Gottschall und Ayla Satilmis et al. den inhaltlichen Schluss des Kolloquiums.

Segregation meint die horizontale und vertikale Teilung des Arbeitsmarktes, welche insbesondere aus Geschlechterperspektive zu Ungleichheit und Ungleichbehandlung führt.

Für die Ursachenforschung der Geschlechterungleichheit am Arbeitsmarkt gibt es verschiedene ältere und neuere Ansätze. In der Vergangenheit wurde versucht, Ursachen mit spezifischen Handlungsstrategien von Arbeitnehmerinnen und Arbeitgebern sowie durch den Einfluss von Institutionen, wie z.B. Berufsausbildung, und bestimmten gesellschaftlichen Ordnungen und Mechanismen zu erklären. Diese Ansätze sind weitgehend überholt. Heute geht man stärker davon aus, dass der solidarische Wohlfahrtsstaat Frauen einerseits vom Zwang befreit, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, andererseits sie dadurch aber auch in ihren arbeitsmarktstrategischen Handlungsmöglichkeiten einschränkt und es so durch diese Einschränkungen zur Ungleichbehandlung kommen kann. Die bekanntesten Forschungsansätze sind heute der Politökonomischer Ansatz varieties of capitalism von Hall/Soskice und der Wirtschaftssoziologische Erklärungsansatz von Fligstein (Gottschall, Karin: Arbeitsmärkte und Geschlechterungleichheit – Forschungstraditionen und internationaler Vergleich, in: Brigitte Aulenbacher/Angelika Wetterer (Hg.): Arbeit. Perspektiven und Diagnosen der Geschlechterforschung, Münster 2012, S. 120-137).

Gegenüber den 50er Jahren hat sich der Anteil an den Beschäftigten im so genannten Dritten Sektor, dem Dienstleistungssektor, stark erhöht. Während in den meisten Teilgebieten des Dritten Sektors immer noch die Beschäftigung von Männern dominiert, sind im personennahen Dienstleistungssektor überwiegend Frauen beschäftigt, und zwar 75-85 Prozent der insgesamt 7 Millionen Beschäftigten (im Jahr 2000). Charakterisieren lässt sich der Dienstleistungssektor durch befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitarbeit und Scheinselbstständigkeit mit marginalen sozialen Absicherungsmöglichkeiten und immer noch großen Einkommensunterschieden.

Die für die personen- und haushaltsnahen Dienstleistungen notwendigen Kompetenzen, wie zum Beispiel die Kommunikationsfähigkeit, werden traditionell eher weiblich attributiert und daraus folgend mit leichter oder einfacher Tätigkeit assoziiert. Im haushalts- und personennahen Dienstleistungssektor lässt sich weiterhin ein qualifizierter Output kaum messen, es handelt sich um Arbeit, die niedrigproduktiv ist und dadurch wenig Wertschätzung erfährt, was wiederum zu der Annahme führt, sie sei einfache Arbeit.

Der politische Diskurs und die politisch-rechtliche Regulierung von Dienstleistungstätigkeiten tragen ebenfalls nicht zu einer angemessenen Bewertung der haushalts- und personennahen Dienstleistungstätigkeiten bei. Im Jahr 2004, also zwei Jahre nach Inkrafttreten des zweiten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt zeigte sich, dass vor allem Frauen (64 Prozent) in den so genannten Minijobs beschäftigt sind. Häufig sind inzwischen sogar mehr Minijobber zu finden als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Oft hat Verfügbarkeit hier einen höheren Stellenwert als Fachlichkeit. Die Arbeit in diesen Gebieten droht zu Billigarbeit zu verrohen und entprofessionalisiert zu werden. Mit den so genannten Ein-Euro-Jobs wurden weiterhin Arbeitsgelegenheiten geschaffen, die dazu dienen sollen, Menschen mit Vermittlungshemmnissen zu fördern. In den jeweiligen Job wird bevorzugt vermittelt, wer schon eine Qualifizierung in dieser Richtung besitzt. Dies führt dazu, dass auf Ressourcen und vorhandene Qualifikationen von Beschäftigten zurückgegriffen wird, ohne dass ihnen materielle Anerkennung, ein sozialrechtlicher Schutz oder soziale Wertschätzung zuteilwird (Satilmis, Ayla/Baatz, Dagmar: Einfach, geringfügig, gelegentlich? Aktuelle Arbeitsmarktpolitik und ihre geschlechterpolitischen Implikationen am Beispiel von Dienstleistungsarbeit, in: Ingrid Kurz-Scherf/Lena Correll/Stefanie Janczyk (Hg): In Arbeit: Zukunft, Die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsforschung liegt in ihrem Wandel, Münster 2005, S. 205-221).