Nr. 10 - Überlegungen zur diskurstheoretischen Transformation christlicher Gesellschaftsethik

Matthias Möhring-Hesse

Auf der Suche nach der christlichen Ethik machte man dereinst "epochale Rezeptionsvorgänge größten Ausmaßes" aus: Seit der neutestamentlichen Paränese über den Kirchenlehrer Thomas von Aquin bis zur Katholischen Soziallehre habe das Christentum "nur Hochformen eines entwickelten Ethos rezipiert und sie unter dem Anspruch und im Feuer der Offenbarung kritisch geläutert". Der Diskursethik gegenüber hat sich die katholische Theologie ihre Offenheit - bislang - allerdings versagt. Spätestens seit Thomas wurde sie nämlich auf das aristotelische Ethikverständnis eingeschworen, dem zu Folge praktische Probleme über den Rückschluß auf "wirklich seiende" Sachverhalte entschieden werden. Seither ist die "große" Rezeptionsgeschichte theologischer Ethik abgeschlossen, und die christliche Ethik und besonders die christliche Gesellschaftsethik "eine 'natürliche' oder naturrechtliche Ethik". Bis heute besteht deshalb gerade die Katholische Soziallehre auf ihre naturrechtliche Denkungsweise und hält die Naturrechtsethik für das "Non plus ultra" christlicher Gesellschaftsethik.

Mit deontologischen Ethikansätzen, insbesondere mit Kants "Kritik der praktischen Vernunft" und mit Ethikkonzeptionen in der kantischen Tradition, hat sich die katholische Theologie daher schwer getan. Diese verzichten nämlich auf einen theoretisch definierten Katalog von Tugenden und Pflichten, geben statt dessen formale Regeln zur Überprüfung praktischer Maximen an und überantworten damit moralische Fragen den handelnden Subjekten. Als kommunikationstheoretische Transformation der kantischen Ethik folgt die Diskursethik diesen Grundannahmen und steht damit in Opposition zum aristotelischen Ethikverständnis. Für die katholische Theologie ist sie daher - glaubt man den Moraltheologen und Gesellschaftsethikern - unannehmbar.

Dabei hat insbesondere die christliche Gesellschaftsethik den diskursethischen Ansatz gar nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen, obgleich sich dieser in den letzten zwei Jahrzehnten als eine der prominentesten Ethikkonzeptionen profilieren konnte. Dieses Desinteresse gründet nicht nur auf ihrer Opposition zu kantischen Ethiken. Darüber hinaus war sich die christliche Gesellschaftsethik bis in die jüngere Gegenwart hinein ihrer Grundlagen derart sicher, daß sie ihre neuscholastische Naturrechtsethik bloß lehrbuchartig wiederholte, dabei kaum fundamentalethische Fragen diskutierte und sich auch durch ethiktheoretische Debatten in Philosophie und Theologie nicht irritieren ließ. Seitdem sich aber die christliche Gesellschaftsethik von ihrer traditionellen "Einheitslinie", also vom neuscholastischen Naturrechtsansatz, zu lösen beginnt, hat sich die Lage geändert: Inzwischen hat innerhalb der theologischen Gesellschaftsethik eine Debatte um die eigenen Grundlagen begonnen, in der auch die Diskursethik ernsthaft einbezogenwird.

Allerdings steht der "Mainstream" theologischer Gesellschaftsethik dem diskurstheoretischen Ethikansatz auch weiterhin skeptisch bis ablehnend gegenüber. Dagegen möchte ich begründen, daß der christlichen Gesellschaftsethik der notwendige Zeitsprung in die Gegenwart nur gelingen wird, wenn sie sich von der Diskursethik über die Logik neuzeitlicher Moral informieren läßt. Dazu will ich (1.) die Aufgabe der christlichen Gesellschaftsethik in Erinnerung rufen und die Defizite ihres vormals selbstverständlichen Naturrechtsdenkens anzeigen. Das Manko einer wenig zeitgemäßen Ethiktheorie kann die theologische Gesellschaftsethik mit Hilfe der Diskursethik überwinden, wie ich (2.) zu begründen suche. Jedoch wird die diskursethische Transformation der theologischen Gesellschaftsethik nur dann gelingen, wenn dabei auch (3.) ihr christlicher Kontext sowie (4.) ihr Gegenstandsbereich überzeugend geklärt wird. Entsprechende Überlegungen lassen die Diskursethik nicht unberührt, sondern können konstruktiv zu ihrer Entfaltung beitragen. 

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