Nr. 2 - Perspektiven kritischer Gesellschaftstheorie

Matthias Möhring-Hesse

Das Unternehmen "Gesellschaftsethik" unterstellt, daß in wissenschaftlich disziplinierter und theoretisch anspruchsvoller Weise Aussagen über die Gerechtigkeit sozialer Verhältnisse und der Praxis ihrer bewußten Regulation vorgebracht und begründet werden können. lnnerhalb der Sozialwissenschaften werden derartige Theorieansprüche gerne als Moralisierung sozialer Verhältnisse verdächtigt, mit der der stumme Zwang des Faktischen, die sowie Beharrlichkeit und Komplexität sozialer Verhältnisse übergangen, dabei aber den sozialen Akteuren Handlungsspielräume suggeriert werden, statt ihnen Grenzen und Eigenlogik gesellschaftlicher Veränderungen vor Augen zu führen. Normative Gesellschaftsethik und kritische Gesellschaftstheorie erscheinen so als Opponenten politisch ambitionierter Sozialwissenschaften. Angesichts dieses Verdachtes kann die Gesellschaftsethik als eine kritische Gesellschaftstheorie auf der Basis einer  Theorie der praktische Konstitution von Gesellschaft verteidigt werden, die auch den gesellschaftlichen Bestimmungen sozialer Praxis Rechnung tragen kann, ohne dabei aber die für eine ethische Reflexion notwendige Annahme der praktischen Konstitution gesellschaftlicher Verhältnisse zurückzunehmen oder auch nur zu relativieren. Das Marxsche Diktum:"Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber ... unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen" (MEW Bd 8, 115) bedarf es also einer theoretischen Entfaltung in der Richtung, daß Gesellschaft als Selbstproduktion sozialer Praxis und damit auch die gesellschaftlichen Bestimmungen dieser Praxis als Resultate sozialer Praxis konzeptualisiert werden können.

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