Nr. 12 - Der "dritte Weg" aus dem Abseits heraus?

Friedhelm Hengsbach SJ

Der sogenannte dritte Weg, eine Regelungsform kirchlicher Dienst- und Arbeitsverhältnissen jenseits der Alleinbestimmung durch den Arbeitgeber und des tarifautonomen Interessenausgleichs gerate immer mehr in eine theoretische, organisatorische und rechtliche Abseitsfalle, wurde Mitte der 80er Jahre befürchtet. Insbesondere seine tragende Säule, das Konstrukt der "Dienstgemeinschaft" könne weder theologisch gehaltvoll gefüllt, noch organisatorisch befriedigend ausgestaltet werden. Infolgedessen sei der dritte Weg sowohl spirituell als auch strukturell überfordert und stoße an arbeitsrechtliche, verfassungsrechtliche und finanzielle Grenzen. Sind die katholische Bischöfe im vereinigten Deutschland nun mit der neuen "Erklärung zum kirchlichen Dienst", die sie im Herbst 1993 beschlossen haben und die eine vor zehn Jahren erlassene Erklärung ablöst, sowie mit der "Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse", die zum 1.1.94. in Kraft getreten ist, aus dem theologischen, betriebsorganisatorischen und arbeitsrechtlichen Abseits herausgetreten?

Wenn ein Vertreter der christlichen Gesellschaftsethik die Antwort auf diese Fragen nicht allein den Dogmatikern, Betriebssoziologen und Arbeitsrechtlern überläßt, liegt es daran, daß die Bischöfe sich an zwei Stellen der Erklärung auf die katholische bzw. kirchliche Soziallehre beziehen. Gemäß der Präambel der "Erklärung", die verkürzt der "Grundordnung" vorangestellt wird, muß einmal das kirchliche Arbeitsrecht "auch den Grundnormen gerecht werden, wie sie die katholische Soziallehrefür die Arbeits- und Lohnverhältnisse herausgearbeitet hat". Zum andern schließt "der kircheneigene Weg des Mitarbeitervertretungsrechts schon im Hinblick auf die kirchliche Soziallehre eine gleichwertige soziale Verantwortung ein", wenngleich Unterschiede zum Betriebsverfassungs- und Personalvertretungsrecht auf Grund der Sendung der Kirche erforderlich bleiben. Selbst wenn solche Hinweise auf die kirchliche Soziallehre singulär geblieben sind und eher deklamatorisch wirken, haben sie doch den folgenden Versuch mitangestoßen, sowohl die Erklärung als auch die Grundordnung gesellschaftsethisch zu beurteilen.

Ich werde also zunächst einige Gründe für die Revision der Erklärung von 1993 nennen und dann die beiden Dokumente im Vergleich zu charakterisieren versuchen. Danach werde ich bezeichnende und wiederkehrende Themen der beiden Dokumente, nämlich die Dienstgemeinschaft, die Eigenart des kirchlichen Dienstes, die Loyalitätsbindung, die Mitarbeitervertretung und das Koalitionsrecht kritisch reflektieren. Schließlich werde ich einige Leitbilder der kirchlichen Soziallehre angeben, die mein Urteil über die Erklärung und Grundordnung maßgeblich bestimmen und die für die Entwicklung insbesondere des kollektiven Arbeitsrechts im kirchlichen Dienst richtungweisend sein können. 

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