Nr. 21 - Solidaritätszerfall, Gemeinschaftsverlust, Solidaritätsressourcen. Über soziale Grundlagen moderner Demokratien

von Markus Daniel Zürcher 

Nicht nur besorgte Bürger und Politiker, sondern auch verschiedene prominente Gesellschaftswissenschafter beklagen seit einiger Zeit einen Solidaritätszerfall sowie eine Vernutzung der Solidaritätsressourcen in modernen westlichen Gesellschaften. Dabei wird mit dem Schlagwort "Solidaritätszerfall" nicht ein einzelnes Phänomen bezeichnet, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Vorgänge, die miteinander jedoch in einem gewissen Zusammenhang zu stehen scheinen: eine fortschreitende gesellschaftliche Desintegration, eine allgemeine Verrohung im sozialen Umgang, zunehmender Egoismus sowie ein Abbau sozialstaatlicher Leistungen und daraus resultierend vermehrte soziale Ungleichheit. Im Schlagwort "Solidaritätszerfall" artikuliert sich so die Sorge um die eigene Zukunft sowie um den Fortbestandmoderner demokratischer Gesellschaften. Hart erkämpfte soziale Errungenschaften und letztlich die Substanz moderner Demokratien selbst scheinen auf dem Spiel zustehen.

Im folgenden wird die These vom Solidaritätszerfall zum Ausgangspunkt genommen, um über soziale Grundlagen moderner Demokratien zu reflektieren. Dazu sollen verschiedene Ansätze der aktuellen Sozialphilosophie diskutiert werden. Welche sozialen Voraussetzungen, so die leitende Fragestellung, müssen erhalten bzw. reproduziert werden, damit demokratische Gesellschaften überhaupt funktionsfähig bleiben. Dabei bestreitet unser Ansatz natürlich von vornherein, daß Demokratien auf bloß formale bzw. institutionelle Verfahren reduziert werden können und errichtet sich zugleich gegen sogenannte Minimalstaatskonzepte.

In einem ersten Schritt soll zunächst näher auf die Debatte über Zivilgesellschaft eingegangen werden. Zu diskutieren gilt es, inwiefern zivilgesellschaftliche Vereinigungen zur Einübung sozialer Praktiken, die ein friedliches Zusammenleben zumindest einigermaßen sichern, geeignet sind und damit zur sozialen Integration moderner Gesellschaften beitragen können. Anschließend soll eine zu dieser Auffassung komplementäre Position ins Spiel gebracht werden, gemäß der soziale Integration über gesellschaftliche Kooperation zu gelingen vermag und diese gleichsam eine Ressource der Solidarität bildet. Es wird darzulegen sein, welche Anforderungen dann an die gesellschaftliche Kooperation gestellt werden müssen. Damit wird drittens die Problematik sozialer Gerechtigkeit angesprochen. Inwiefern setzt eine gelingende Sozialintegration eine gerechte Verteilung wichtiger sozialer Güter, insbesondere auch der Arbeit voraus?

Als eine Pointe unserer Untersuchungen könnte sich ergeben, daß die Gegenüberstellung von liberalen und kommunitaristischen Positionen, wie sie in der Sozialphilosophie seit einigen Jahren üblich ist, in Anbetracht der zu behandelnden Probleme sukzessive an Bedeutung verliert. Zugleich verdanken sich die folgenden Überlegungen natürlich erst dieser Debatte, die den Blick auf unsere Ausgangsproblematik erheblich geschärft hat.

 

Vollständiges Arbeitspapier als PDF