Nr. 25 - "Ich glaube, es ist gottgewollt, daß wir arbeiten." Zur Sinnschöpfung durch Erwerbsarbeit

von Ansgar Kreutzer

Die Debatte um die Zukunft der Arbeit hält Sozialwissenschaft und Politik nach wie vor in Atem. In der Tat stellt die verfestigte und strukturelle Massenarbeitslosigkeit unserer Tage nicht nur ein zentrales soziales Problem unter anderen dar. Die Tatsache, daß Millionen von Menschen ungewollt vom entscheidenden Integrationsmechanismus der modernen Gesellschaften, der Erwerbsarbeit nämlich, ausgeschlossen sind, rüttelt an den Grundfesten der Gesellschaftsordnung. Dabei scheint es, daß sich die Arbeitsgesellschaft erst in ihrer Krise dieser eigenen Identität bewußt wird. Was Jürgen Heinchen für von Arbeitslosigkeit Betroffene auf individueller Ebene konstatiert, läßt sich auch auf die kollektive Ebene soziologischer Selbstwahrnehmung der Gesellschaft überführen: "Mit der Arbeit ist es wie mit vielen Dingen im Leben: Erst, wenn man sie verloren hat, weiß man ihren Wert zu schätzen".

Zweifellos ist Arbeit eine soziologische Schlüsselkategorie der modernen Gesellschaft. Über die Teilhabe an der Erwerbsarbeit wird der gesellschaftliche Reichtum verteilt, wird dem einzelnen Anerkennung zuteil, soziale Inklusion ermöglicht. Daß entlohnte Arbeit als nur eine spezifische Form menschlicher Tätigkeit überhaupt diesen soziologisch zentralen Status inne hat, ergibt sich jedoch nicht aus innerer Notwendigkeit. Vielmehr ist die Zentralität, die die Erwerbsarbeit für das gesamtgesellschaftliche Funktionieren wie für Biographieentwürfe einzelner hat, flankiert, mitbedingt, ja ermöglicht durch den hohen ideellen Stellenwert, der ihr seit dem Entstehen der modernen Industriegesellschaft bis heute eingeräumt wird.

Eine bestimmte Semantik, die insbesondere für eine theologisch motivierte Gesellschaftsethik von großem Interesse sein dürfte, belegt die nach wie vor hohe normative Aufladung der Erwerbsarbeit besonders eindrücklich: die der Arbeit zugebilligte Funktion der Sinnschöpfung. Obwohl in Diskussionsbeiträgen zur Zukunft der Arbeit explizit oder implizit immer wieder auf ihre Sinnfunktion abgehoben wird, fehlt bislang eine systematische Beschäftigung mit der Sinnzuschreibung der Arbeit.Tatsächlich aber lohnt es sich aus zweierlei Hinsicht, sich gerade mit dem Sinn von Arbeit zu beschäftigen. Zum einen läßt sich ohne die Betrachtung der normativen Aufladung von Arbeit, die in der ihr zugeschriebenen Funktion der Sinnschöpfung kulminiert, ihre überragende soziologische wie psychologische Bedeutung kaum erklären. Zum anderen wird in aktuellen Veröffentlichungen angesichts des Ausschlusses einer breiten Bevölkerungsschicht von entlohnter Arbeit die Auskopplungvon "Sinndimensionen" (Identitätsbildung, Selbstverwirklichung, soziale Anerkennung) aus der Erwerbsarbeit gefordert. Damit ist die Frage nach der Sinnzuschreibung der Arbeit nicht nur eine Rekonstruktion von Werthaltungen, sondern beinhaltet politische Implikationen.

Die folgenden Überlegungen sind aus diesen Motivationen heraus, freilich nur exemplarisch und fragmentarisch, der Sinnzuschreibung der Arbeit gewidmet.

Zunächst soll in einem ersten Schritt aufgezeigt werden, auf welche Weise der Sinndiskurs an menschliche Arbeit herangetragen wird. Inwiefern wird menschliche Arbeit als "sinnvoll" oder sogar "sinnstiftend" erachtet und was ist damit gemeint? Der zweite Teil soll exemplarische Quellen für die normative Aufladung des Arbeitsbegriffs bis hin zu seiner Sinndimension ausfindig machen und damit einige Erklärungsmodelle für die hohe Bedeutung der Arbeit in der Moderne nachzeichnen. Im dritten Kapitel wird untersucht, inwiefern die normative Aufladung der Arbeit in der Debatte um ihre Zukunft noch nachwirkt bzw. überwunden werden soll. Auch dies kann nur exemplarisch in der Auseinandersetzung mit einem Diskussionsbeitrag zur Zukunft der Arbeit geschehen: dem aktuellen Werk von André Gorz, Arbeit zwischen Misere und Utopie. Gorz neigt hierin offenkundig dazu, allzu schnell dem traditionellen Arbeitsverständnis, das Sinnfunktion und Erwerbsfunktion von Arbeit zusammenband, den Abschied zu geben. Diese Entkopplung von Erwerb und sinnstiftender Tätigkeit muß jedoch angesichts der fortbestehenden Sinnsschöpfung gerade durch Erwerbsarbeit kritisch hinterfragt werden. 

 

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