Nr. 34 - Arbeitssucht als soziale Pathologie der Erwerbsar-beitsgesellschaft

von Axel Bohmeyer

Eine Aufgabe einer christlichen Gesellschaftsethik ist die kritische Diagnose der gesellschaftlichen Entwicklungen. Dabei geht es um die Analyse verschiedener gesellschaftlicher Phänomene und sozialer Trends. Bei dem sozialen Phänomen, das in den Mittelpunkt dieser Ausführungen rückt, handelt es sich um das Phänomen Arbeitssucht. Das Anliegen der Überlegungen besteht darin, die Arbeitssucht als eine soziale Pathologie der Erwerbsarbeitsgesellschaft zu identifizieren. Um dem Anspruch gerecht zu werden, christliche Gesellschaftsethik interdisziplinär zu betreiben, greife ich auf die aktuelle medizinische, psychologische und soziologische Diskussion zurück.  

Auf den ersten Blick erscheint es paradox, inmitten der so genannten Krise der Arbeitsgesellschaft den Fokus der gesellschaftsethischen Analyse auf ein Suchtproblem zu richten, das nicht durch Exklusion aus der Erwerbsarbeit gekennzeichnet ist, sondern gerade auf deren Schlüsselstellung in der modernen Gesellschaft beruht. Zudem kommt die Frage auf, inwieweit ein Suchtproblem, das vordergründig allein das Individuum betrifft, von Interesse für eine Gesellschaftsethik sein kann. Die folgenden Ausführungen sollen deshalb die Frage klären, welche Zusammenhänge zwischen dem individuellen Verhalten der Arbeitssucht und gesellschaftlichen Strukturen und Normen bestehen. Das Auftreten der Arbeitssucht verweist gerade in der Krise der Erwerbsarbeit auf die zentrale Rolle, die dieser bei der Integration in die Gesellschaft zukommt.  

Die folgenden Überlegungen sind auf zwei verschiedenen Ebenen angesiedelt: In einem ersten Schritt wird der Versuch unternommen, mit dem Begriff der sozialen Pathologie das Fundament einer Gesellschaftsethik zu legen (Kapitel 1). In diesem Zusammenhang wird eine Definition des sozial Pathologischen, also des vom "gesellschaftlich Gesunden" Abweichenden gegeben. Der Beurteilungsmaßstab der sozialen Pathologie soll erläutert und dem Eindruck nachgegangen werden, dass es sich hierbei um ein nicht verallgemeinerungsfähiges Kriterium handelt.  

Die Ausführungen widmen sich auf einer zweiten Ebene einem konkreten Gegenstand: der Arbeitssucht (Kapitel 2 und 3). Daran soll der Begriff der sozialen Pathologie verdeutlicht werden.

Im Kontext der hohen normativen Bedeutung der gesellschaftlichen Arbeit findet die Arbeitssucht neuerdings Aufmerksamkeit in soziologischen, medizinischen und psychologischen Studien. Diese Suchtform blieb lange Zeit verdeckt, was nicht zuletzt darauf hinweist, dass die hohe soziale Anerkennung der Arbeit ein Grund für die Nichterwähnung war bzw. ist. Das Phänomen der Arbeitssucht soll mithilfe der aktuellen Fachliteratur näher beleuchtet werden. Damit wird ein neues Untersuchungsfeld erschlossen, das sich von bisherigen Forschungen zur "Humanisierung der Arbeitswelt" unterscheidet, auch wenn sicherlich Parallelen zu erkennen sind. Die Frage, "welche sozialen Figurationen, welche Organisationsstrategien und Handlungsmuster […] für den Sinn- und Freiheitsverlust der Arbeit und für die beschädigten Selbstverhältnisse der Menschen verantwortlich" sind, wurde schon früher gestellt und mithilfe empirischer Materialien erforscht. In diesem Zusammenhang tauchte bereits der Begriff "pathogener Aufgabeninhalte und Vollzugsbedingungen" auf. Es wurden verschiedene Arbeitsstrukturen auf ihre Auswirkungen auf die Arbeitenden hin untersucht und unter bestimmten Kriterien als pathogen oder inhuman identifiziert. Ziel dieser Überlegungen ist es, Arbeitssucht als ein individuelles pathologisches Verhalten darzustellen, das allerdings durch die hohe normative Fixierung auf die Arbeit in der Gesellschaft hervorgerufen wird.  

Aus dem Blickwinkel einer dezidiert christlichen Gesellschaftsethik sollen abschließend (Kapitel 4) einige Anmerkungen gemacht werden, die eventuell zu einer Lösung der sozialen Pathologie der Arbeitssucht beitragen können. Es wird diskutiert, wie eine normative Entladung der Erwerbsarbeitsgesellschaft vollzogen werden könnte. Ob eine Spiritualität der Arbeit oder die in der christlichen Tradition verankerte Kunst der Muße eine mögliche angemessene Therapie gegen Arbeitssucht sind, wird in diesem Zusammenhang erörtert werden.

 

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