Nr. 49 - Kapitalismus als Religion?

von Friedhelm Hengsbach SJ

"Religion" scheint ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt zu sein. Politischer Terrorismus und hegemoniale Kriege werden religiös begründet. Junge Menschen besinnen sich auf religiöse Werte, suchen spirituelles Erleben, wandern auf überlieferten Pilgerwegen und strömen zu papstkirchlichen Events. Ist die säkulare Gesellschaft in Europa an einen Wendepunkt geraten? Gilt es als zeitgemäß, religiöse Überzeugungen öffentlich zu bekennen? Traut man einem religiösen Deutungsmuster gar zu, das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem des globalisierten Kapitalismus auf den Begriff zu bringen?

Ist die Deutung des Kapitalismus als Religion ein Wortspiel, eine provozierende Metapher oder eine Kampfformel, die gleichzeitig ein Gefühl der Ohnmacht ausdrückt? Wird in einer solchen Semantik Religion als persönliche Überzeugung, als öffentliches Bekenntnis oder als gesellschaftliche Steuerungsform begriffen? Tritt die religiöse Semantik an die Stelle einer kritischen Analyse des Kapitalismus? Gelten kritische Analysen von Religion und Kirchen inzwischen als nicht mehr zeitgemäß?

Ich will im folgenden diesen Fragen nachgehen, indem ich mich mit vier Autoren, die sich dem Kapitalismus in einer religiösen Semantik zu nähern versuchen, kritisch auseinander setze - mit Max Weber, Walter Benjamin, Christoph Deutschmann und Georg Simmel. Einigen werfe ich vor, dass sie in ihre ökonomischen Analysen spielerisch und assoziativ religiöse Deutungsmuster einfließen lassen, anderen dagegen, dass sie über diffuse Vergleiche zwischen dem Kapitalismus als einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtverhältnis und willkürlich gewählten religiösen Ausdrucksformen nicht hinauskommen oder dass sie eingespielte Deutungsmuster der religiösen Sphäre unbesehen, unvermittelt und naiv in die wirtschaftliche Sphäre übertragen. Dieser Absicht, die Kapitalismuskritik von der religiösen Semantik zu befreien bzw. frei zu halten, widerspricht überhaupt nicht das Bemühen jener Autorinnen und Autoren, neben der sozio-ökonomischen Strukturanalyse des Kapitalismus jene soziokulturellen, mental verfestigten symbolischen Sinnwelten, Lebensorientierungen und normativen Leitbilder handlungstheoretisch zu reflektieren, die im Schatten des Kapitalismus dominant geworden sind.

 

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