Nr. 60 - Gerechtigkeit - ein Spiel mit handlungsfähigen Mitspielern?

von Wolf-Gero Reichert

Menschen versuchen seit jeher, gegen die unberechenbaren Schwankungen ihrer natürlichen und sozialen Umwelt, kooperative Institutionen zu errichten, um die Auswirkungen von Zufall und Zeit möglichst gering zu halten. Die Sozialethik bzw. die politische Philosophie kann man als Reflex auf diese Regelungsversuche verstehen: Die Auswirkungen des unberechenbaren Schicksals sollen nicht nur effektiv, sondern auch auf gute oder gerechte Weise minimiert werden. Frühe Beispiele hierfür sind verschiedene Fürstenspiegel oder auch Psalm 72. Ein solches Denken erlebt in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance, seit es von John Rawls mit dem paradigmatischen Einführungssatz zu seiner "Theorie der Gerechtigkeit" erneut angestoßen wurde (Frühbauer 2007, S.15f): "Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, so wie die Wahrheit bei Gedanken­systemen." (Rawls, Vetter 1975, S. 19)

Die große Wirkung von Rawls Werk auf den Diskurs der politischen Philosophie gründet wohl in der prima facie überzeugenden Zusammenschau der verschiedenen Dimensionen von Gerechtigkeit: Gegenüber "klassischen" Konzeptionen der Gerechtigkeit löst er nämlich das Denken über Ge­rechtig­keit aus dem individualethischen oder ausschließlich (straf)rechtlichen Kontext. Zugleich weist er ihm seinen primären Ort in der Institutionenethik zu, also einer Ethik, der es darum geht, Menschen moralischen Heroismus zu ersparen, indem die das Einzelhandeln bedingende Institutionen so konzipiert werden, dass falsches Handeln sanktioniert und richtiges Handeln strukturell begünstigt wird (Mieth 1992, S.12ff).

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