"Ich kann das Wort Gier nicht mehr hören"

Friedhelm Hengsbach SJ 

Auf dem Höhepunkt der öffentlichen Debatte, die bemüht war, einen Schuldigen mit einem erkennbaren Gesicht zu suchen, der für die beispiellose Finanz- und Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht werden könnte, hat Hilmar Kopper, der frühere Sprecher des Vorstands der Deutschen Bank seinen Unwillen über die moralische Verurteilung einzelner Personen mit der erwähnten Formulierung Luft verschafft. Tatsächlich waren der Ruf: "Moral an die Börse!", den Georges Soros erhob, und die individuelle Schuldzuweisung derart verbreitet, dass darüber die Analyse der Systemfehler des Finanzregimes in den Hintergrund gedrängt wurde. Umso dringender ist eine Aufklärungsarbeit, die den Mythos von der Gier der Manager entzaubert.  

Was meinen Menschen, wenn sie von "Gier" sprechen? In der Regel denken sie an den zwanghaften Drang, immer mehr haben zu wollen, an ein übersteigertes, rücksichtsloses Streben nach materiellem Besitz. Das Wort "Gier" erinnert an die "Habgier", eine der sieben Hauptsünden des katholischen Beichtspiegels. Die Variante: "blinde Gier" ist durch die Merkmale gekennzeichnet, hinzu, dass vernünftige Nutzenerwägungen und der Wille, die Güter mit anderen zu teilen, ausgeschaltet sind. Dagegen sind die Worte "Neugier" und "Ehrgeiz" nicht so negativ konnotiert.

[Weiterlesen]