Normativer und politischer Neustart

Friedhelm Hengsbach SJ 

Eine Krise biete immer auch die Chance eines Aufbruchs, meint die Bundeskanzlerin. Dieser setze jedoch eine schonungslose Analyse der Krisenursachen voraus. Die Aufgabe, herauszufinden, in welchem Stadium der Krise wir uns exakt befinden, ist noch nicht bewältigt. Dazu dienen die empirischen Untersuchungen über die unternehmerische Stimmungslage, die Deutung der Regelkreise und Rückkopplungen, denen die ökonomischen Prozesse und Strukturen unterliegen, das Offenlegen politischer Optionen sowie die Hypothesen darüber, welche Folgen die außergewöhnliche Verschuldung der öffentlichen Haushalte und gleichzeitige Vermögensakkumulation privater Haushalte haben wird. Mein Beitrag soll im Zusammenspiel mit den finanztechnischen Reparaturen und politischen Entscheidungen, die auf eine realwirtschaftliche Belebung und eine globale Finanzarchitektur zielen, eine Wurzelbehandlung skizzieren, die angesichts der monetären, ökologischen und sozialen Dimension der Krise einen Neustart in der normativen, sozio-ökonomischen und vitalen Dimension einschließt.

1. Eine beispiellose Krise  

Wiederholt wurde von einer beispiellosen Krise gesprochen, obwohl Finanzkrisen zum Kapitalismus dazu gehören wie das Wasser zum Meer. Um dies verständlich zu machen, werden naturalistische oder organizistische Metaphern bemüht, Außerdem wird der sowohl destruktive als auch kreative Charakter von Finanzkrisen betont. Immerhin hat es in den letzten dreißig Jahren mindestens sieben schwere Finanz­krisen gegeben, wenngleich diese meistens nicht bis ins weltwirtschaftliche Zentrum vordrangen, segmentär blieben oder keine Reichweite erreichten, die sich global über die monetäre und die realwirtschaftliche Sphäre erstreckte.

[Weiterlesen]