Was ist unserer Gesellschaft die Pflege alter Menschen wert?

Wolf-Gero Reichert

Erst in einem breiteren Kontext wird die gesellschaftliche Herausforderung deutlich, vor der wir mit Blick auf die Pflege alter Menschen stehen. In diesem Diskurs darf es vorrangig nicht um rein technische Organisationsfragen gehen, sondern um die Frage: Was ist unserer Gesellschaft die gerechte und gute Pflege alter Menschen wert?

Der große Vertreter der katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning, war kein Freund der großen Begriffe. So stand er Zeit seines Lebens dem Begriff der sozialen Marktwirtschaft skeptisch gegenüber. Er hatte für ihn analytisch keinen Wert; er beschreibt nichts, sondern verdeckt die wirklichen Interessenlagen. Soziale Marktwirtschaft war für ihn ein Zauberwort. Stattdessen bevorzugte er den Begriff des sozial gebändigten Kapitalismus, da er die Machtverhältnisse nicht verschleiert und die Härte und die Verteilungskämpfe des Wirtschaftsgeschehens im Bewusstsein hält.

Gleichwohl konnte er sich mit diesem Zauberwort schließlich abfinden. Das hat seinen Grund darin, dass sich das wirtschaftspolitische Konzept "Soziale Marktwirtschaft" aus zwei Quellen speist. Zum einen die ordoliberale Quelle (Alfred Müller Armack, Walter Eucken): Diese betonten den Unterschied und die Aufgabenteilung zwischen Staat und Markt - der Staat soll die Spielregeln abstecken, innerhalb derer die Wirtschaftssubjekte in einzelnen Spielzügen ihren Vorteil suchen dürfen. Nur innerhalb eines starken staatlichen Rahmens sorgt der Wettbewerb für effiziente Resultate. Die andere Quelle ist die katholische Soziallehre, die zuerst von der Gesellschaft her denkt: diese soll nach den Prinzipien der Solidarität und Subsidiarität so organisiert werden, dass die Würde jeder Person respektiert wird

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