Ein solidarisches Europa - nicht zum Nulltarif

von Friedhelm Hengsbach SJ

"Wie solidarisch muss Deutschland sein?" fragte Maybrit Illner zu Beginn einer Talkshow in der letzten Augustwoche 2013. Die anwesenden politischen Vertreter der Regierung und der Opposition gaben drei Antworten: "Griechenland braucht einen neuen Schuldenschnitt", wobei dieser Meinung widersprochen wurde. Unwidersprochen blieben die Antworten, dass die Solidarität keine Einbahnstraße sei und dass die europäischen Südländer ihre Hausaufgaben machen müssten.

In diesen Antworten spiegelt sich, was in Europa seit der Pleite der Lehman Bank falsch gelaufen ist - erstens ein verbreiteter individualistischer Fehlschluss, der Systemfehler durch individuelles Fehlverhalten erklärt, zweitens Solidarität als ein Zauberwort bzw. eine Kampfformel, die von oben her definiert und benutzt wird, um an die Eigenverantwortung der leistungsschwächeren Länder zu appellieren, und drittens wird das Ausmaß solidarischer Leistungen, die von den wirtschaftlich stärkeren Ländern erbracht werden, abhängig gemacht von dem Verhalten der schwächeren Länder.

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