Selber Schuld?! Armut und Respekt in der Weltwirtschaft

 Markus Demele

Die Friedensdekade steht in diesem Jahr unter einem großen Leitwort: Respekt! Bei den vielen Assoziationen, die dieses Schlagwort auslöst, sind Fragen der Weltwirtschaft, Fragen der menschlichen Entwicklung und einer gerechten Weltordnung sicher nicht die ersten Gedanken die uns in den Kopf kommen.

Mir geht es jedenfalls so: bei Respekt, da denke ich in erster Linie an den rücksichtsvollen Umgang mit meinen Mitmenschen. Mit den Menschen, denen ich direkt begegne. Das ist sicher auch ganz normal, denn schließlich fällt uns ein von Rücksicht und Umsicht geprägter Umgang miteinander dann am leichtesten, wenn wir unser Gegenüber von Angesicht zu Angesicht sehen. Wir behandeln dann andere so, wie auch wir wünschen oder erwarten von ihnen behandelt zu werden. Fällt diese Unmittelbarkeit weg, findet Begegnung anonym statt, dann ist man eher geneigt, auch Formen der Höflichkeit, die ja eine gesellschaftliche Grundform des Respekts ist, weniger wichtig zu nehmen. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet dass Internet: Menschen, die vollkommen anonym, mit einem ausgedachten Nutzernamen in Chaträumen unterwegs sind, die also sicher sein können, von anderen in der realen Welt nicht erkannt zu werden, lassen oftmals alle Masken fallen. Sie lassen auch alle gesellschaftlichen Konventionen sausen und äußern im anonymen Nachrichtenaustausch ungefiltert ihre Meinungen und Wünsche. Respekt und Höflichkeit scheinen da nur aufzuhalten.

Wenn wir unser eigenes Gesicht nicht zeigen müssen und den anderen auch nur als einen Namen, als eine Chiffre im System wahrnehmen, kümmern wir uns scheinbar wenig um Etikette. Wir haben ja nichts zu verlieren. Ich kann ja für nichts verantwortlich gemacht werden. Sobald ich meine Internetverbindung trenne, bin ich wieder draußen aus der virtuellen Welt und niemand kann mir meine mangelnde Rücksicht, das fehlen von Respekt in der realen Welt vorwerfen.

Warum dieser Ausflug in die Welt des Internets, wenn es heute Abend doch eigentlich um Fragen der Entwicklung und der Weltwirtschaft gehen soll? Mir ist ein Zweifaches, gewissermaßen vorneweg wichtig: zum einen: Respekt ist eine schwierige Sache, wenn der unmittelbare menschliche Kontakt fehlt. Über Respekt zu reden, ohne den konkreten anderen Menschen im Blick zu haben kann sich allzu schnell in Allgemeinplätzen erschöpfen. Ganz schnell fehlt einem Nachdenken über Respekt die materiale Füllung, wenn es losgelöst wird von einem greifbaren Gegenüber.

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