Billiglöhne und Menschenwürde. Sozialdumping oder Arbeitschance?

Markus Demele

In einer globalen Betrachtung kommt der Frage nach Billiglöhnen als "Sozialdumping oder Arbeitschance" eine ganz eigene Brisanz zu. Schließlich sprechen wir hier von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die zumeist gar nicht vor der Wahl stehen ob sie arbeiten wollen oder nicht. Egal zu welchen Bedingungen, egal zu welchem Preis - sie müssen arbeiten; denn soziale Sicherungssysteme sind in den wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Ländern in keinem nennenswerten Maße vorhanden. Sie müssen arbeiten in einer Welt des Arbeitskräfteüberangebotes - in einer Welt, in der, wie Horst Afheldt schreibt, Arbeit "billig wie Dreck" wird.

Warum aber ist diese globale Perspektive auf Löhne und Arbeitsbedingungen - und beides lässt sich nicht voneinander trennen - für Deutschland oder Industrienationen überhaupt von Interesse?

Zwei aktuelle Phänomene mögen das deutlich machen:

Zum einen sind wir alle als Konsumenten Teil der globalisierten Produktions- und Verwertungsketten.

Bei jedem Einkauf entscheiden wir, meist ohne uns darüber Gedanken zu machen, ob wir den günstigsten Hersteller in seiner Marktposition unterstützen oder eben einen anderen. Nun bedeutet ein Einkauf nach dem Motto "Geiz ist Geil" nicht notwendigerweise dass wir Produkte eines Unternehmens kaufen, dass Dumpinglöhne zahlt oder Mindeststandards menschenwürdiger Arbeit missachtet. Klar ist aber auch: Faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen schlagen sich im Preis der Endprodukte nieder. Diese Differenz vom so genannten "China-Preis", also dem günstigsten Angebot am Markt, und dem Preis, den ich z.B. für ein Produkt aus Fairem Handel zahlen muss, macht oft den Unterschied zwischen würdiger und menschenunwürdiger Arbeit.

Schauen wir den Marktanteil fair gehandelter Produkte, etwa von der GEPA, an, der im Schnitt bei rund 0,1% liegt, so ist doch eine Marktkonstante festzustellen: Der neoliberalste Akteur im Markt ist der Konsument. Zwar werden die Nachfragegewohnheiten gegenwärtig differenzierter - nicht zuletzt Dank groß angelegter Kampagnen von NGOs, die menschenunwürdige Produktionsbedingungen z.B. in der Sportartikelindustrie offen gelegt haben – doch bleibt der Mensch ein homo oeconomicus und wird sich zumeist für die "kleinen Preise" entscheiden. Das gilt einmal mehr, wenn die Mittel zum privaten Konsum aufgrund prekärer Beschäftigung selbst in Industrienationen knapper werden.

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