Arm in einem reichen Land. Armut - Abstieg - Ausgrenzung – Unsicherheit: die neuen sozialen Fragen als Herausforderung an die Kirchen

Thomas Wagner

Die Armut wächst in Deutschland. Das Risiko der Einkommensarmut ist von 1998 bis 2005 kontinuierlich angestiegen, stellt der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung im Mai 2008 fest. Als armutsgefährdet gelten Personen, deren Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens liegt; für Deutschland sind dies Einkommen unter  781 Euro im Monat. Die  Armutsrisikoquote wird im Bericht mit 13 Prozent der Bevölkerung angegeben. Jeder Achte ist danach armutsgefährdet, 42 Prozent der Langzeitarbeitslosen, 19 Prozent der Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung, 28,2 Prozent der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und 32,6 Prozent ihrer Kinder. Ohne Sozialtransfers, so wird im Bericht der Bundesregierung hervorgehoben, würden sogar 26 Prozent der Bevölkerung mit dem Risiko der Armut  leben. 7,228 Millionen  Leistungsempfänger lebten im Jahr 2007 vom Arbeitslosengeld  II oder Sozialgeld. Mit der Einkommens- und Vermögensarmut korrespondieren mehr als in jedem anderen Industrieland die Bildungsarmut der sozial Schwächeren. Gleichzeitig wächst kontinuierlich die Gruppe von Menschen, die in prekären Verhältnissen leben. Sie befinden sich in einer „Zwischenzone“, pendeln zwischen sicheren und unsicheren Sphären der Arbeitswelten hin und her. Als „Grenzgänger am Arbeitsmarkt“ schlage sich mehr und mehr Menschen heute mit Minijobs, Praktika, Leiharbeit, befristeten, oft extrem niedrig bezahlten Tätigkeiten oder der staatlichen Grundsicherung durch. Von dieser Entwicklung sind längst auch Kernbereiche der Arbeitsgesellschaft betroffen, die einst als sicher galten. Diese soziale Erosion der Gesellschaft, insbesondere auch  der so genannten gesellschaftlichen Mitte führt bei vielen Menschen in eine fundamentale Verunsicherung.  Die Angst davor, die Arbeit zu verlieren und dann vielleicht zu jenen zu zählen, die nur noch von staatlichen Unterstützungsleistungen leben, diszipliniert nicht nur, sie führt auch zur Entsolidarisierung. Soziale Kälte macht sich breit!

All dies zeigt, dass die Wiederkehr sozialer Unsicherheit Erschütterungen auslöst, die weit über die sozialen Randschichten ausstrahlen. Exemplarisch an zwei konkreten Lebensgeschichten (entnommen dem Buch: Thomas Wagner, Draußen – Leben mit Hartz IV, Lambertus-Verlag, 2008) möchten wir diese oft verdeckten Abstiegsprozesse hinein in Zonen gravierender Unsicherheit verdeutlichen:  

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