Das alttestamentarische Bilderverbot und die Finanzkrise

Wolf-Gero Reichert

Das Zweite der zehn Gebote verbot es Israel, Gott in einem Bild zu fassen. Jenes ikonoklastische Verdikt ist Ausdruck eines Widerspruches gegen allzu affirmative Theologien: Gottes Andersartigkeit gegenüber der Welt wird nur gewahrt, wenn es keine mögliche Entsprechung zu ihm in der Welt gibt. Gott als der Absolute, Allumfassende der Welt, der zugleich ihr Gegenüber als Schöpfer ist, ist unmöglich in einem von Menschen gemachten Kultobjekt darstellbar.

Darüber hinaus hat das Bilderverbot aber auch eine  sehr pragmatische Seite: Im Alten Orient dienten Götterbilder immer auch als Kriegsstandarte – sie führten die Heere in die Schlacht. Wurde sie gewonnen, so ließ dies den „Götterglanz“ des jeweiligen Gottes heller erstrahlen. Umgekehrt ging der Nimbus aber auch mit der Schlacht verloren: Der eigene Gott war zu schwach - das Vertrauen in diesen Gott erodierte.

Im Zuge der Säkularisierung verliert das Bilderverbot nicht an Relevanz, wie Theodor Adorno betont: „Das alttestamentarische Bilderverbot hat neben  seiner theologischen Seite eine ästhetische. Daß man sich kein Bild, nämlich keines von etwas machen soll, sagt zugleich, kein solches Bild sei möglich." Jedes Bild ist nicht mit der dargestellten Wirklichkeit identisch, denn zwischen ihr und dem Bild bleibt eine nicht aufhebbare, ästhetische Differenz: Das Bild stellt eine eigene Wirklichkeit dar. In säkulare Sprache übersetzt meint das Bilderverbot dann: Wenn kein Bild des allumfassenden Gottes möglich ist, kann auch kein Bild gerechtfertigter Weise den Anspruch erheben, die Wirklichkeit als Ganze zu repräsentieren.  

[Weiterlesen]