Die Erblast des Nutzenbegriffs. Von der Ethik über die Ökonomik zur Medizin

Friedhelm Hengsbach SJ

Die heutige Tagung der Deutschen Gesellschaft für Anthroposophische Medizin hat sich dem Thema und der Diskussion des medizinischen Nutzens gewidmet. Meine Rolle zu Beginn der Tagung vergleiche ich mit der eines Ruderers auf der Spree, der mit dem Rücken zur Fahrtrichtung dem Tagunsziel entgegensteuert, während er seinen Blick auf einen markanten Punkt der Vergangenheit richtet und dabei hofft, dass dieser Punkt eine Orientierung bietet, um das im Rücken liegende Ziel zu erreichen.

Der markante Punkt in der Vergangenheit sind die utilitaristische Ethik und die Wohlfahrtsökonomik. Beide deute ich als Ursprung und Wurzel der aktuellen Reflexionen über den medizinischen Nutzen. Auf die Frage, welche Rolle Utilitarismus und Wohlfahrtsökonomie für die Bestimmung des medizinischen Nutzens spielen, antworte ich, dass der Utilitarismus und die Wohlfahrtsökonomik mehr Aporien und Paradoxien hinterlassen, die in der Folge unterschwellig auf die Debatte über den medizinischen Nutzen abgeladen werden. Und dass umgekehrt die Debatte über den medizinischen Nutzen in der Gefahr schwebt, von jenen ökonomischen und utilitaristischen Paradigmen zugemüllt zu werden. Ich beginne meine Überlegungen mit der utilitaristischen Ethik, schließe daran die über die Wohlfahrtsökonomik an und erkläre danach einige Aporien und Paradoxien. 

1. Utilitaristische Ethik

Der Utilitarismus ist ein Ethiktyp, dessen besonderes Profil darin liegt, dass die ethische Reflexion erfahrungswissenschaftlich verortet ist. Im Zentrum stehen die persönlichen Erfahrungen und das individuelle Erleben. Die utilitarisische Ethik existiert in zahlreichen Varianten, die durch das eine Wort: utilis, utile = das Nützliche, Utilitas = der Nutzen zusammen gehalten werden.  

[Weiterlesen]