Ehrenamtliche Pflege - Deckmantel privater Ausbeutung und staatlicher Auszehrung?

Friedhelm Hengsbach SJ

Als die Pflegeversicherung 1995 als umlagefinanzierte fünfte Säule der sozialen Sicherung in Deutschland beschlossen wurde, galt sie als überzeugender Beweis für die Leistungsfähigkeit einer solidarischen Absicherung gesellschaftlicher Risiken und der gelungenen Integration der Bevölkerung aus den neuen Bundesländern in das solidarische Sicherungssystem der Bundesrepublik. Als besonders innovativ wurde die staatliche Regie des Ordnungsrahmens und das Nebeneinander von privat-gewerblichen und frei-gemeinnützigen Angeboten derPflegeleistungen angesehen. Inzwischen ist die Euphorie über die Leistungen und die finanzielle Balance der gesetzlichen Versicherung verflogen. Es wird offen von einer Zwei-Klassen-Pflege als Folge der Anbindung an die Gesetzliche Krankenversicherung gesprochen. Die Pflegeversicherung sei nur deshalb funktionsfähig, weil zwei Drittel der Pflegeleistungen von Frauen in privaten Haushalten erbracht wird. Darüber hinaus weisen die Finanzierungsdefizite auf einen erheblichen Reformbedarf hin.

In einer derart schattigen Pflegewelt klingt der Ruf nach dem Ehrenamt wie ein befreiender Ausweg ins Licht. Ich will im folgenden einige Gründe benennen, weshalb das hohe Lied des Ehrenamtes in der Öffentlichkeit vernehmbar ist und auf eine hohe Resonanz trifft. Danach werde ich den Kontext der politischen Rhetorik ausleuchten. Und schließlich die realen Chancen des Ehernamtesaufzuspüren suchen. 

 

1. Das hohe Lied des Ehrenamtes

(1) Das Lamento von Kulturkritikern scheint im allgemeinen Bewusstsein Spuren zuhinterlassen, dass nämlich die vertraute Lebenswelt der Familie und ihrer Solidarität zunehmend durch eine Kommerzialisierung aller gesellschaftlichen Sphären zersetzt werde. Dabei sei absehbar, dass die individuelle und gemeinsame Lebensqualität nicht in dem Ausmaß steigt, als zwischenmenschliche Beziehungen markt-, erwerbs- und geldwirtschaftlich geregelt werden. Es sollte Bereiche menschlichen Lebens geben, die dem Markt entzogenbleiben. Das Ehrenamt sei eine solche Nische, die der Kommerzialisierung trotzt. 

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