Ein Recht auf Arbeit in einer verwundeten Gesellschaft

Friedhelm Hengsbach SJ

Seit einigen Monaten berauschen sich Politiker an den Sirenenklängen einer Entwarnung, dass  die  Zahl  der  Beschäftigten  eine  Rekordmarke  erreicht,  die  Zahl  der  Arbeitslosen rückläufig, eine Balance zwischen der Nachfrage und dem Angebot an Ausbildungsstellen in greifbare Nähe gerückt und das Vollbeschäftigungsziel keine  romantische Träumerei mehr sei.

Die Eintrübung des Geschäftsklimas, die Kaufzurückhaltung der Verbraucher, die Inflations-gefahr  als  Folge  des  Geldüberhangs  und  das  Unbehagen  der  Bevölkerung  über  die reparaturanfälligen  sozial-  und  arbeitsmarktpolitischen  "Reformen"  werden  übertüncht. Dabei  sind  diese  als  Frühindikatoren  zu  deuten,  dass  Unterbeschäftigung  und  fehlende Ausbildungsplätze an der Gesellschaft haften bleiben. Und es  ist zu vermuten, dass nach dem  euphorischen  Augenblick  erhöhte  Anstrengungen  nötig  sind,  um  benachteiligten Jugendlichen  eine  Perspektive  der  wirtschaftlichen  Einbindung  und  gesellschaftlichen Beteiligung zu eröffnen. Ich zeige im Folgenden, wie weit die Verwundung der Gesellschaft reicht,  unter  welchen  Verhältnissen  das  Recht  auf  Arbeit  behauptet  werden  muss,  und welche Chancen bestehen, dieses Grundrecht für alle Jugendlichen einzulösen.

1. Verwundete Gesellschaft  

Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat die offenen Wunden der Gesellschaft,  in der wir  leben, aufgedeckt: Die Armutsrisikoquote  ist  in den  letzten zwanzig Jahren  tendenziell  gestiegen,  ebenso  die Zahl  der  dauerhaft Armen. Besonders  betroffen sind die Haushalte von Arbeitslosen, Migranten und Alleinerziehenden sowie deren Kinder.  

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