Gerechter Lohn in Kirche und Gesellschaft

Bernhard Emunds

1 Drei Gerechtigkeitsprobleme auf dem Arbeitsmarkt

(1) Wichtigste normative Grundlage unserer demokratischen Gesellschaft ist die wechselseitige Anerkennung aller Beteiligten als Gleicher: Wer Mitglied dieser Gesellschaft ist, sollgleichberechtigt dazu gehören. Weil in der Arbeitsgesellschaft die Erwerbsarbeit auch für diesoziale Integration zentral ist, schließt die anhaltende Langzeitarbeitslosigkeit Hunderttausende davon aus, gleichberechtigt in die Gesellschaft integriert zu sein.

(2) Bei Armut trotz Arbeit geht es um die armen Haushalte (vielfach Familien), die trotz einesBeschäftigungsumfangs von 100% (oder mehr) Anspruch auf ALG II haben. Der Großteil vonihnen löst diesen nicht ein. Für Menschen, die der Erwerbstätigen-Generation angehören, gilt es als Normalfall  der  gesellschaftlichen Integration,  dass sie (oder ihre Partner) sich  amgesellschaftlichen Leistungsaustausch beteiligen und von dem Geld, das sie dafür bekommen, leben. Diejenigen, die langfristig von der Gesellschaft (ohne Gegenleistung) finanziell unterstützt werden müssen, haben Schwierigkeiten, als gleichberechtigt anerkannt zu sein.

(3) Vor allem aufgrund eines viel zu geringen Kinderlastenausgleich für Erwerbstätige (diekeine „Aufstocker” sind),  kommt  es  zu einer unzureichenden  Lohn-Sozialeinkommens-Differenz: Haushalte, deren Erwachsene zu 100% (oder mehr) in unteren Lohngruppen er-werbstätig sind, haben häufig kaum mehr oder sogar weniger als Haushalte, die ausschließlichALG II beziehen (oder es mit einem Teilzeit-Job kombinieren). Dies widerspricht grundlegen-den Überzeugungen der Bürgerinnen und Bürger in bezug auf die Leistungsgerechtigkeit. Aus ethischer Sicht ist es allerdings nicht vertretbar, eine ausreichende Lohn-Sozialeinkommens-Differenz durch Absenkung der Regelsätze in Sozialhilfe und ALG II wiederherzustellen.  

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