Kirche im Kapitalismus

Friedhelm Hengsbach SJ

Eine ‚Kirche im Sozialismus’ lässt sich nach dem Zusammenbruch der Kommandowirtschaft und des um eine einzige Partei zentrierten Staates  allenfalls noch als Reliquie bewahren. Die Formel entstand, als nach dem Mauerbau die formellen Verbindungen der mittel-deutschen Landeskirchen mit der EKD immer mehr abrissen. Sie sollte das Selbstverständnis von Christen ausdrücken, die sich bewusst auf die gesellschaftlichen Verhältnisseeinlassen und sich als Kirche nicht neben oder gegen, sondern  im Sozialismus behauptenwollten.

Inzwischen sei, so sagt man, der Kapitalismus als Sieger aus der Systemkonkurrenz hervorgegangen. Ob er dadurch schon Recht habe, mag als Frage offen bleiben. Ist unabhängig davon eine sozialethische Reflexion über die ‚Kirche im Kapitalismus’ angemessen und berechtigt? Ich halte sie für angemessen, weil das, wovon die Menschen gesellschaftlich bewegt werden, auch die Christen bewegt. Und ich halte sie für gerechtfertigt, weil die Christen dazu aufgefordert sind, die gesellschaftlichen Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten – nicht nur als Fensterrede, sondern auch als Selbstreflexion (Römische Bischofssynode 1971: 507). Bevor sie nämlich der Wirtschaft und dem Staat erklären, was gut und gerecht sei, sollten sie den Spiegel der Gerechtigkeit zuerst sich selbst vorhalten und sich um eine halbwegs verlässliche Diagnose dergesellschaftlichen Verhältnisse bemühen.   

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