Kirche und Caritas im Wettbewerbsstaat - als kooperative Geiseln Anwälte der Ausgeschlossenen?

Friedhelm Hengsbach SJ

In der Apostelgeschichte wird von einem heftigen Streit zwischen Hebräern und Hellenisten berichtet: Bei der täglichen Versorgung an den gemeinsamen Tischen seien die Witwen der Hellenisten, also der griechisch sprechenden Christen übersehen worden. Der Streit wurde beigelegt, indem sieben Männer gewählt und beauftragt wurden, den Dienst an den Tischen zu übernehmen. Die Gewählten und Beauftragten trugen ausnahmslos griechische Namen. Der  harmlos  klingende  und  angeblich  schnell  beendete  Streit  hatte  offensichtlich  einen bedeutsamen Hintergrund: Es  ging  nicht  nur  um Tischregeln,  sondern  zunächst  auch  um das Gewicht, das der Dienst am Wort und der Dienst an den Tischen  in der  jungen Kirche hatten und wer  für diese Dienste zuständig sein sollte. Aber viel gewichtiger war wohl die Frage,  die  von  Stefanos  in  seiner  Rede  polemisch  thematisiert  wurde,  welche  Rolle  die Liturgie, der Tempel und das Land  Israel  für den Glauben der Christen überhaupt spielen sollten. Stefanos steht  für die Ansicht, dass der Glaube selbst Praxis  ist. Dass der Dienst am Mitmenschen  nicht  bloß  eine  der  kirchlichen Grundfunktionen  darstellt. Und  dass  der erste  Gottesdienst,  also  die  erste  Liturgie  in  der  alltäglichen  Lebenswelt  stattfindet  -  als  Dienst  an  den  Ausgeschlossenen,  denen wir  nachgehen,  um  solidarisch mit  ihnen Arbeit und Leben zu teilen.

Von den politischen und wirtschaftlichen Eliten sowohl der konservativ-liberalen als auch der rot-grünen Koalition sind  "Zeiten der Veränderung" ausgerufen worden, die das Verhältnis von Staat, Markt und Zivilgesellschaft im Kern berühren. Sie haben mutwillig oder fahrlässig einer Euphorie des Marktes und einer Diffamierung des Sozialstaats den Weg geebnet und eine beispiellos verwundete Gesellschaft hinterlassen.  Ich will  im  folgenden  fragen, welche Funktion  der  Kirche  und  der Caritas  in  dem  zum Wettbewerbsstaat mutierten Sozialstaat und  in  einer  durch  diese  Mutation  verwundeten  Gesellschaft  zufällt.   

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