Kirche und Diakonie in einer verwundeten Gesellschaft

Friedhelm Hengsbach SJ

"Tiefe Risse gehen durch unser Land: vor allem der von der Massenarbeitslosigkeit hervorgerufene Riss, aber auch der wachsende Riss zwischen Wohlstand und Armut oder der noch längst nicht geschlossene Riss zwischen Ost und West".

Das Gemeinsame Wort der Kirchen von 1997 beschreibt die Situation einer gespaltenen Gesellschaft. Aber sie identifiziert auch eine weltanschauliche Spaltung: "Solidarität und Gerechtigkeit genießen heute keine unangefochtene Wertschätzung. Dem Egoismus  auf der individuellen Ebene entspricht die Neigung der gesellschaftlichen Gruppen, ihr partikulares Interesse dem Gemeinwohl rigoros vorzuordnen. Manche würden  der regulativen Idee der Gerechtigkeit gern den Abschied geben. Sie glauben fälschlich, ein Ausgleich der Interessen stelle sich in der freien Marktwirtschaft von selbst ein". Die situative und normative Deutung der Kirchen trifft auch nach mehr als zehn Jahren noch zu.   

1. Eine verwundete Gesellschaft

Die rot-grüne Koalition hatte einen Umbau des Sozialstaats verheißen, nicht einen Abbau. Doch die politische Verheißung hat sich in die Wirklichkeit einer sozialen Entsicherung der Einkommensgruppen unterhalb der gesellschaftlichen Mitte verwandelt.   

Verfestigte Arbeitslosigkeit  

Entwarnungssignale auf dem Arbeitsmarkt sind nach zwei Jahren wirtschaftlicher Belebung und einem Rückgang der Zahl der Arbeitslosen um zwei Millionen verfrüht. Der konjunkturelle Aufschwung hat den Wendepunkt überschritten. Deutschland befindet sich in einer Rezession. Außerdem waren die Hälfte der neu geschaffenen Arbeitsplätze atypische Arbeitsverhältnisse - Leiharbeit, befristete Arbeit, Scheinselbständigkeit, Teilzeitarbeit, Mini-Jobs, Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung (1 €-Jobs).   

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