Mehr Markt macht nicht gebildet

Friedhelm Hengsbach SJ

Die wirtschaftliche Belebung und das statistisch in Aussicht gestellte Gleichgewicht zwischen angebotenen und nachgefragten beruflichen Ausbildungsstellen haben den beunruhigten Eltern und betroffenen Jugendlichen wohl Signale der Entwarnung vermittelt und behutsame Erwartungen ausgelöst. Aber dadurch ist der Horizont der beruflichen Ausbildungslandschaft noch nicht nachhaltig aufgehellt worden. Denn 50% der Jugendlichen, die eine Lehrstellesuchen, sind Altbewerber. Der durchschnittliche Ausbildungsbeginn liegt derzeit bei 19,3 Jahren, während er in den 1970er Jahren bei 16 Jahren lag. Eine halbe Million Jugendlicher wird in den Übergangssystemen der Berufsvorbereitung, Berufsgrundbildung, freiwilligen Schuljahre und unbezahlten Praktika aufgefangen. Zwischen der ersten Ausbildungsschwelle und der zweiten Beschäftigungsschwelle wuchert ein Parallel-Universum ohne Verbindung mit dem beruflichen Ausbildungssystem.

Die Misere der beruflichen Ausbildung ist Bestandteil der Defizite des deutschen Bildungssystems. Die Menge der Jugendlichen ohne einen Schulabschluss liegt derzeit bei 8 Prozent. Das dreigliedrige Schulsystem wirkt extrem selektiv. Die Schulerfolge und Übergangsquoten von Kindern aus bildungsfernen, armen und sozial ausgeschlossenen Haushalten sind ungleich und zugleich diskriminierend. Kinder aus wohlhabenden Haushalten wechseln von den öffentlichen Schulen in Privatschulen. Eine ganzheitliche Bildung wird auf naturwissenschaftliche, informationelle und wirtschaftlich verwertbare Kenntnisse reduziert. Und wieder einmal wird laut und öffentlich nach einer ehrgeizigen Reform der allgemeinen und beruflichen Bildung gerufen.    

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