Von der Arbeitsgesellschaft zur Bildungsrepublik – ein Paradigmenwechsel?

Friedhelm Hengsbach SJ

Wenn  ich die vergangenen drei Wochen des September 2008 Revue passieren lasse, drängen sich drei Themen in den Vordergrund: Erstens vermitteln die Turbulenzen in der Führung der SPD eine Vorahnung jener Spekulationen, welche Koalitionen nach dem Ende der Großen Koalition vorzugswürdig seien, und ob Schröders Agenda 2010 eine Episode von Fehlentscheidungen oder ein Jahrhundertwerk war. Zweitens profiliert sich die Kanzlerin innerhalb der Großen Koalition, indem sie vor dem Bildungsgipfel eine Bildungsreise inszeniert und eine „Bildungsrepublik Deutschland“ proklamiert. Drittens werden die tages- und innenpolitischen Querelen überschattet durch den „Schwarzen Montag“ an der New Yorker Aktienbörse. Der Fall der Lehman Brothers Bank am 15. September liegt gerade drei Tage zurück.

Diese Ereignisse einer Dreiwochenschau fließen in die folgenden Reflexionen ein. Ihre zwei Themen sind erstens die Krise der Arbeitsgesellschaft als eine Krise ihrer Deutung und zweitens die Bildungsrepublik als ein Bildungsregime mit bildungsfernen Optionen. 

1 Die Krise der Arbeitsgesellschaft – eine Krise ihrer Deutung

In den vergangenen Jahren konnte man beobachten, dass sich jeweils dann, wenn die Zahl der Arbeitslosen eine neue Rekordhöhe erreicht, Unheilspropheten zu Wort melden, die ein Ende der Arbeitszeit ankündigen: Menschenleere Fabrikhallen, Arbeit, die billig wie Dreck wird, Sättigungsgrenzen des Konsums seien die Signale, dass die Vorahnung, die Hannah Arendt Anfang der 1950er Jahre ausgesprochen hatte, eingetreten ist: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus. Was kann ihr Schlimmeres zustoßen? Welcher Politiker und welcher Moralist sollte sich nicht dagegen wehren? Der Arbeitsminister bläst zur Entwarnung, nachdem er zwei Jahre eines beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwungs erlebt hat, dass die Vollbeschäftigung in greifbare Nähe gerückt sei. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass unter den drei Millionen zusätzlicher Arbeitsplätze, die in zwei Jahren entstanden sind, die Hälfte als atypisch gilt und nicht selten mit einem Lohn entgolten werden, der an der Armutsgrenze liegt. Klingen nicht den Menschen noch die leeren Versprechen der Bundeskanzler Kohl und Schröder im Ohr, dass sie in absehbarer Zeit die Zahl der Arbeitslosen halbieren würden?

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