Wie die Renditejagd in die Krise führte

Eine verbreitete Deutung der Weltfinanzkrise führt diese auf die Geldgier der Vorstände und Mitarbeiter der Finanzinstitute zurück: Mögliche Gewinne aus dem Aktien-Optionsprogramm vor Augen oder in Erwartung der nächsten Bonuszahlungen hätten sie untereinander hochriskante Finanzgeschäfte vereinbart. Das dabei aufgetürmte Kartenhaus sei nun zusammengebrochen und dauerhafte Besserung nur zu erwarten, wenn sich die beteiligten Banker zu treuen Verwaltern der Interessen ihrer Kunden läuterten. Diese moralisierende Sicht der Krise übersieht nicht nur den Unterschied zwischen Sprachspielen, bei denen es um Vorstellungen eines gelingenden Lebens und einer integren Persönlichkeit geht, und solchen, in denen Institutionen analysiert und bewertet werden. Sie blendet auch aus, dass für unser Wirtschaftssystem insgesamt der Versuch kennzeichnend ist, das individuelle Streben nach Einkommens- und Vermögensmehrung als Triebfeder für Wohlfahrtssteigerungen zu nutzen. Der Verweis auf ein ausgeprägtes Interesse an Geldvermehrung kann deshalb nicht erklären, warum es jetzt und nicht schon Jahrzehnte früher zu einer so tiefen Krise gekommen ist. Insofern ist vor allem danach zu fragen, warum es bei den finanzwirtschaftlichen Akteuren in den letzten Jahren vielfach nicht gelungen ist, ihre primär auf den eigenen monetären Vorteil ausgerichteten Handlungen so zu lenken, dass sie – zumindest faktisch – dem Gemeinwohl dienen. Dabei geht es zuerst und vor allem um Defizite der Regelsysteme.

Der traditionelle Bankensektor mit seinem Kredit- und Einlagengeschäft ist in den Industrieländern sicher eine der am stärksten geregelten Branchen. Das strenge Regelsystem geht zurück auf die Krisenerfahrungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden Bankeinlagen, also die Verbindlichkeiten der Geschäftsbanken, weithin als Zahlungsmittel akzeptiert. Seitdem sind Banken in der Lage, eigenständig neues Geld zu schaffen. Dieser Entwicklungsschritt der Finanzwirtschaft stellte einen Quantensprung in der elastischen, vom Wert des zirkulierenden Edelmetalls entkoppelten Geldversorgung da. Er führte aber auch dazu, dass Kreditzyklen möglich wurden und damit zugleich die Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen stieg. Wenn nämlich in der Realwirtschaft die Konjunktur oder auf einem Vermögensmarkt die Spekulation auf steigende Preise in Gang kam, stellten die an der Mehrung ihres Einkommens interessierten Bankiers fest, dass sie höhere Gewinne erzielen konnten, wenn sie ihre Kreditvergabe ausdehnten, um zusätzliche Investitionen der Unternehmen bzw. weitere spekulative Käufe von haussierenden Vermögensgütern zu finanzieren. Mit der allgemeinen Kreditexpansion stieg nämlich zugleich auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Schuldner die Kredite vereinbarungsgemäß zurückzahlten. Dafür sorgte in dem einen Fall die Ausdehnung der Güternachfrage, die von den zusätzlichen Investitionen angestoßen wurde und den Unternehmen zusätzliche Einnahmen bescherte, in dem anderen Fall der weitere Anstieg der Vermögenspreise, der es den spekulativen Marktteilnehmern ermöglichte, Wertzuwächse zu realisieren. In einigen Konstellationen schwand bei den Bankiers aufgrund dieser positiven Rückkopplung jede vorsichtige Reserve gegen eine zu starke Kreditexpansion. Ihr Wunsch, Gewinne zu machen, verdrängte alle Bedenken. In einer wahren Jagd nach Rendite vergaben sie immer mehr Kredite, so dass dann die Konjunktur zu einem Boom oder die Haussespekulation zu einer Spekulationswelle übersteigert wurde. Kam dann irgendwann die Konjunktur ins Stocken oder blieb die Steigerung der Vermögenspreise hinter den Erwartungen zurück, dann schwand häufig auch das Vertrauen der anderen wirtschaftlichen Akteure in die Werthaltigkeit des von den Banken geschaffenen Geldes und es kam zu einem „bank run“, also zu einem panikartigen Abzug von Bankeinlagen. Von diesem bitteren Ende her gesehen ist die Strategie der Bankiers, so lange wie möglich hohe Gewinne einzustreichen, als ausgesprochen kurzsichtig einzuschätzen: Eigentlich war klar, dass das Kartenhaus der steigenden Kreditfinanzierung, der angekurbelten Konjunktur und der haussierenden Vermögenspreise irgendwann einmal zusammenbrechen würde. Aber der Wunsch, die Gewinne, die man bis dahin erzielen könne, noch alle „mitzunehmen“, und die (vor allem bei Männern verbreitete) Einschätzung, man selbst werde noch rechtzeitig vor dem Crash aussteigen können, waren so ausgeprägt, dass es immer wieder einmal zu einer solchen Finanzkrise kam.

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