Die Stimme der Kirche im politischen Diskurs

Markus Demele/Wolf-Gero Reichert

Wenn es um Eingriffe der Kirche in die Sphäre des Politischen geht, so mag mancher in erster Linie an die Auftritte des Papstes auf der internationalen Bühne denken - Reden vor der UN-Vollversammlung und zahlreiche Treffen mit anderen Regierungschefs. Als Staatsoberhaupt des Vatikans wird er gern als Global Player auf der politischen Bühne gesehen.  

Doch während die Kirche in diesem Fall selbst als politischer Akteur auftritt, kehrt sie gegenüber katholischen Abgeordneten demokratischer Staaten gern ihre kirchliche Funktion als Lehrmeisterin heraus. So fordert beispielsweise eine Erklärung des Päpstlichen Rates für die Familie, dass katholische Abgeordnete mit ihrer Stimme keine Gesetzgebung fördern dürfen, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften aufwerten. Wird dieser Anspruch abgelehnt, ist von  einem „Exzess des Laizismus“ die Rede. Auf der einen Seite betonte sowohl das zweite Vatikanische Konzil, als auch die Sozialenzykliken die Gewissensfreiheit des einzelnen Bürgers, der zwar auf die Lehre der Kirche, aber auch eben auf seine eigene Fachkompetenz und Gewissensbildung hören soll. Auf der anderen Seite  handelt das Lehramt in entgegen gesetzter Richtung. In der Praxis bleibt das Verhältnis von kirchlicher Soziallehre und Politik folglich ungeklärt.  

Derartige Unklarheiten trüben die Stimme politisch  engagierter Christen und so laufen sie Gefahr, im politischen Diskurs an Gehör  zu verlieren. Das ist umso tragischer, als die Zeichen der Zeit scheinbar in eine ganz andere Richtung weisen als hin auf einen Exzess des Laizismus: In der Öffentlichkeit mehren sich die Stimmen, die den Religionsgemeinschaften eine entscheidende Bedeutung beimessen. Der Philosoph Jürgen Habermas etwa befürchtet, dass ein liberaler Staat sich nicht auf demselben Artikulationsniveau halten kann, wie er es schon einmal innehatte: Denn obwohl er sich selbst auf weltanschauliche Unparteilichkeit verpflichtet, entstammen seine moralischen Grundlagen vornehmlich religiöser Herkunft. 

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Dieser Text ist auch auf Litauisch einsehbar ("Baznyčios balsas politiniame diskurse")