Ein weltwirtschaftlicher Neustart – ohne Finanzkapitalismus

Friedhelm Hengsbach

„Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“, forderte 1997 der damalige Bundespräsident Herzog. Dieser Ruck geht zehn Jahre später nicht nur durch Deutschland, sondern durch die Welt –anders jedoch, als Roman Herzog ihn sichvorgestellt hat. Diejenigen, die 30 Jahre lang das Vertrauen in die Steuerungskraft der Märkte gepredigt und den schlanken Staat als den besten aller möglichen Staaten angehimmelt haben, glauben ruckartig nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes und rufen nach dem Staat als ihrem einzigen Retter.

1. Eine beispiellose Krise

Manche sprechen von einer säkular beispiellosen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die herausragende Dimension dieser Krise ist unbestritten. Gleichwohl hat es in den letzten 30 Jahren sieben Finanzkrisen gegeben. In den 1970er Jahren sorgten die Wechselkursschwankungen für massive Turbulenzen in den betroffenen Währungsgebieten. Zahlreiche Schwellenländer haben sich in den 1980er Jahrenunter der Last einer untragbaren Auslandsverschuldung als zahlungsunfähig erklärt. Anfang der 1990er Jahre wurde Japan von einer Immobilien-, Banken- und Währungskrise heimgesucht. 1997 lösten spekulative Währungsattacken gegen den thailändischen Bath massive Kapitalabflüsse aus vier asiatischen Ländern aus, denen ein dramatischer Einbruch des Wirtschaftswachstums und der Beschäftigung folgte. Die folgende Krise war mit der Euphorie der „Neuen Wirtschaft“ verbunden. Junge Unternehmer, die mit der elektronischen Technik vertraut waren, hatten eine Börseneuphorie ausgelöst, die ein ungewöhnliches reales Wirtschaftswachstum zuerst in den USA und dann in Europa nach sich zog. Im Jahr 2000 platzte die Spekulationsblase. Im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende blieb die die Immobilien- und Hypothekenkrise in den USA nicht auf das Leitwährungslandbegrenzt. Sie ist inzwischen zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftskriseausgewuchert. Als deren Referenzwert gelten die Aufkündigung des Bretton-Woods Währungssystems 1973 oder der Zusammenbruch der Börsen 1929 mit derfolgenden Wirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre. Allerdings kommen zwei weitere Referenzwerte der deutschen Geschichte in die engere Wahl, nämlich die Währungsreform von 1948 und der Fall der Mauer 1989.

2009 steht die Weltgesellschaft fassungslos dem Ausmaß der Finanzkrise gegenüber. Anfang des Jahres versammelten sich die wirtschaftlichen und politischen Welteliten in Davos, um über die „Neugestaltung der Weltwirtschaft“ zu diskutieren. Die Teilnehmer vermittelten einen äußerst ratlosen Eindruck. Anfang März rief attac in Berlin zu einem Kongress auf, der unter dem Motto: „Capitalism[exit] now“ 2500 Menschen aller Altersklassen versammelte. Trotz eines breiten Spektrums von Diagnosen und Lösungsangeboten überwogen die Wut über das Versagen der Finanzmärkte, das Gefühl eigener Ohnmacht und die Ratlosigkeit, welche politische Option nun zu wählen sei.

[Weiterlesen]