Keine Kapitalismuskrise, sondern eine Krise der Finanzwirtschaft

Bernhard Emunds

Die globale Krise auf den Güter- und den Arbeitsmärkten ist nicht die Folge einer Überakkumulation von Realkapital und sie markiert nicht, dass das herrschende Wirtschaftssystem bei der Ausbeutung der Arbeit an Grenzen stößt. Vielmehr handelt es sich um einen weltweiten Rückgang der Nachfrage, der auf eine heftige Kontraktion der Finanzwirtschaft zurückgeht. Gleichgültig, ob man sich das wünscht oder nicht: Die globale Finanzkrise stellt die Fortexistenz des kapitalistischen Wirtschaftsystems nicht in Frage! Zugleich allerdings geht es bei der gegenwärtigen Krise um sehr viel mehr als um die negativen Konsequenzen einzelner politischer Fehlentscheidungen oder einzelner finanzwirtschaftlicher Übertreibungen, zu denen es leider – wenn auch weit weg von hier (!) – in den fernen USA gekommen ist. Die Ursachen der globalen Finanzkrise gehen weit über die Ursachen der sie auslösenden subprime-Krise hinaus; sie reichen tiefer und sind in den Geschäftspraktiken der weltweiten Finanzbranche verankert. Nein, die globale Finanzkrise ist kein vermeidbarer Betriebsunfall eines ansonsten hocheffizienten Finanzsystems. Die globale Finanzkrise ist eine tief greifende Krise der Finanzwirtschaft!

Offenbar gab es in den letzten Jahrzehnten massive Fehlentwicklungen in der Finanzbranche, so dass diese jetzt umfassender Strukturveränderungen bedarf. Ein Teil dieser Fehlentwicklungen hat in den letzten zwanzig Jahren eine – vor allem durch Kredite finanzierte – große globale Preisblase für Vermögenswerte entstehen lassen. Wie die massiven Wertverluste bei Finanztiteln und bei den Immobilien vieler Länder zeigen, besteht die Weltfinanzkrise nämlich zuerst einmal im Platzen einer solchen Preisblase. Die Entstehung dieser großen globalen Preisblase hat mit einer grundlegenden Funktion der Finanzwirtschaft zu tun: mit der elastischen Versorgung der Wirtschaftsakteure mit Geld. Dabei kommt das Geld vor allem dadurch in die Wirtschaft, dass die Geschäftsbanken Kredite vergeben. Bei einer Kreditvergabe räumt die Bank dem Kunden auf einem Girokonto ein Guthaben ein, über das er verfügen kann. Da Giroeinlagen heute das wichtigste Zahlungsmittel und mithin selbst Geld sind, ist mit der Kreditvergabe der Banken Geldschöpfung verbunden. Neues Geld entsteht darüber hinaus dann, wenn die Kreditinstitute von anderen wirtschaftlichen Akteuren Vermögensgüter (z.B. Aktien oder Immobilien) kaufen. In diesem Fall ist es der Verkäufer des Vermögensgutes, der auf seinem Girokonto eine Guthabenbuchung erhält. Ohne die Geldschöpfung der Geschäftsbanken käme in einer hoch-arbeitsteiligen Wirtschaft das wirtschaftliche Geschehen gar nicht erst in Gang. Zugleich kann die hochdynamische Kredit- und Geldschöpfungsmaschine der Geschäftsbanken aber auch wirtschaftliche Fehlentwicklungen verursachen. Die Geschäftsbanken können die anderen wirtschaftlichen Akteure nämlich mit mehr Geld ausstatten, als diese benötigen, um die bereitgestellten (bzw. aktuell überhaupt bereitstellbaren) Güter zu kaufen. Wird dieses überschüssige Geld für den Kauf neuer Waren und Dienstleistungen verwendet, dann kommt es zur Übersteigerung der Konjunktur und zur Inflation: das Niveau der Preise für die Güter der laufenden „Produktion“ steigt. Werden mit ihm jedoch bestehende Vermögenswerte wie Aktien oder Immobilien gekauft, dann kommt es auf diesen Märkten zu einer Preisblase.

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