Rede zum 1.Mai

Friedhelm Hengsbach SJ

„Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“, forderte vor elf Jahren der damalige Bundespräsident Roman Herzog. Seit dem 15. September 2008 hat ein Ruck dieganze Welt erschüttert, allerdings wohl anders, als Roman Herzog sich dies gedachthatte.

1. Ein ruckartiger Wechsel der Denkmuster?

Ein herrschendes Denkmuster wurde auf den Kopf gestellt: Diejenigen, die fastdreißig Jahre das marktradikale, wirtschaftsliberale Glaubensbekenntnis wie eineflatternde Fahne vor sich hergetragen haben, sind in ihren Äußerungen nicht wiederzu erkennen.

„Vertrau auf die Selbstheilungskräfte des Marktes“, haben sie gepredigt. Jetzt sagt Herr Ackermann: Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes.„Der schlanke Staat ist der beste aller möglichen Staaten“ hieß es. Nun rufen sie nach dem Staat, damit er ihr Kartenhaus vor dem Einsturz bewahrt. „Wenn die Zentralbank rigoros die Inflation bekämpft, ist jede andere Wirtschaftspolitik überflüssig, Wirtschaftspolitik wird in der Wirtschaft gemacht“, erklärten die liberalen Missionare. Jetzt erhalten die Zentralbanken Beifall dafür, dass sie Liquidität, nämlich Geld ohne Schranken in das Bankensystem und in dieWirtschaft hineinpumpen.

Wir schreiben inzwischen den 1. Mai 2009 und nicht mehr den 15. September 2008. Haben die Finanzeliten wirklich einen ernsthaften Wechsel des Denkens undEmpfindens vollzogen? Klaus Peter Müller, der frühere Commerzbankchef bekennt:„Die Banken haben Fehler gemacht, sicher“. Aber erstens hat er dies mit dengleichen Worten vor sechs Jahren erklärt, als die Spekulationsblase der NeuenWirtschaft geplatzt war. Und er verrät nicht, worin die Fehler der Banken bestehen. War es die Gier der Händler, die Fahrlässigkeit der Filialleiter, das abenteuerlicheRisikomanagement der Investmentbanker, das Austricksen der Investoren undKunden, das Verstecken brisanter Aktivitäten in Schattenbanken oder anFinanzplätzen, die sich staatlicher Aufsicht und Kontrolle entzogen, oder das Einleiten hochriskanter Pakete von Kreditverbriefungen in die globalen Finanzströme? Davon redet der Bankenvertreter nicht. Stattdessen behauptet er, dieeigentliche Ursache der Finanzkrise sei ein doppeltes Staatsversagen gewesen. Alain Greenspan habe in den 1990er Jahren eine zu lockere Geldpolitik betrieben,und die Bush-Administration habe leichtfertig die Lehman Brothers Bank fallenlassen. Ohne diese Entscheidung hätte die Commerzbank gute Zahlen geschrieben. Josef Ackermann legt stolz eine Quartalsbilanz vor, die der erstaunten Öffentlichkeiteine Eigenkapitalrendite von 25% trotz Finanz- und Wirtschaftskrise ausweist. Vonden Deutschen erwartet er ein kleines „Dankeschön“ dafür, dass eine deutsche Bankin der ersten Liga der vier globalen Investmentbanken mitspielen darf.

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