Die Schändung des Arbeitsvermögens durch den Finanzkapitalismus

Friedhelm Hengsbach SJ

Der Dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat verdientermaßenauf drei gesellschaftliche Trends aufmerksam gemacht, die sich seit der Jahrtausendwendeverschärft haben – zum einen die Zunahme des Armutsrisikos, von der insbesondere Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Migranten und Familien mit Kindern betroffen sind, zum anderen die Zunahme prekärer Beschäftigung und schließlich die sich öffnende Schere der Einkommens- und Vermögensverteilung.

In der Europäischen Union wird seit Mitte der 1980er Jahre das Armutsrisiko mit dem Begriff „Ausschluss / Exklusion“ gekennzeichnet. Darin klingen die zwei Dimensionenmaterieller Entbehrung und des Verlusts gesellschaftlicher Beteiligung an, Vorstellungen eines „Draußen und Drinnen“ sowie Vermutungen, dass gesellschaftlicher Ausschluss nicht so sehr auf individuelle Entscheidungen zurückzuführen, sondern politisch verursacht ist. Indem der Bericht die Diagnose des Armutsrisikos, der prekären Arbeitsverhältnisseund der asymmetrischen Verteilung der wirtschaftlichen Wertschöpfung in einen strukturellen Zusammenhang hineinstellt, bestätigt er, dass ein sozio-ökonomischerund sozio-kultureller Riss inzwischen in das Zentrum der Arbeitsgesellschaft hineinreicht und selbst die Mittelschicht in Deutschland verwundet.

Ich deute im Folgenden die beobachteten Trends als einen Beleg dafür, dass der historische Kompromiss des Rheinischen Kapitalismus, der in der Nachkriegszeit zwischen einer Minderheit derer, denen die Produktionsmittel gehören oder die darüber verfügen, und der Mehrheit der Bevölkerung ausgehandelt wurde, die ausschließlich über ein Arbeitsvermögen verfügt, seit Mitte der 1970er Jahre von denwirtschaftlichen und politischen Eliten aufgekündigt worden ist. Nach den destruktiven Auswirkungen der Finanzkrise auf die monetäre und realwirtschaftliche Sphäre halte ich eine demokratische Aneignung des Finanzkapitalismus sowie den Neustart eines kooperativen Kapitalismus für notwendig und machbar.

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