Wo bleibt der Aufschrei?

Thomas Wagner

Die sozialen Klüfte in der bundesdeutschen Gesellschaft wachsen. Wir erleben eine Refeudalisierung. Das geht einher mit einem intensiven öffentlichen Diskurs um den Gerechtigkeitsbegriff. Gleichheitsfragen stehen traditionell in einem engen Zusammenhang mit dem vorherrschen den Gerechtigkeitsverständnis. Während die „alte“ Verteilungsgerechtigkeit zunehmend als fürsorgend-entmündigende und zudem kostspielige, unproduktive Form der „Umverteilung“ gedeutet wird, betont die „neue" Gerechtigkeit nicht nur die Verantwortung und Solidarität für die Schwachen, sondern auch deren korrespondierende Verantwortung für sich selbst gegenüber der Gesellschaft – Stichwort „Eigenverantwortung“.

Dies führt dazu, dass in der Öffentlichkeit die Rechtfertigungslasten nahezu umgekehrt werden: Den von der neuen Ungleichheit negativ Betroffenen wird vorgeworfen, sie seien ihrer Verantwortung nicht nachgekommen, sich gesellschaftliche Chancen zu erarbeiten. Die neue Semantik der „Chancengerechtigkeit“, die mit einer überbordenden Pluralisierung von Gerechtigkeitsverständnissen – etwa: Generationen-, Bedarfs-, Bildungs-, Geschlechter-, Befähigungsgerechtigkeit – einhergeht, birgt die Gefahr, zu verschleiern, dass all diese Gerechtigkeiten innerhalb eines sozialen Gesamtsystems zusammenzuführen sind, wie sie nach wie vor vorbildlich im Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen von 1997 entworfen wurde. 

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