Familiengerechter Lohn

Bernhard Emunds

Derzeit hat die Weltfinanzkrise alle anderen wirtschaftspolitischen Themen in den Hintergrund gedrängt - auch Kontroversen um die Höhe des Arbeitseinkommens, z.B. über den Mindestlohn. Dabei ist die wachsende Armut trotz Erwerbsarbeit eindrängendes Gerechtigkeitsproblem der deutschen Gesellschaft, das in bezug auf die Ursachen Parallelen zur Finanzkrise aufweist. Beide sind sie die Folge von wirtschaftsliberalen Versuchen, wirtschaftliches Wachstum dadurch zubeschleunigen, dass man den Unternehmen kostengünstige Alternativen zu staatlich abgesicherten und verregelten Marktsegmenten erschließt. Die traditionelle Bankwirtschaft ist seit Anfang der 30er Jahre eine besonders stark regulierteWirtschaftsbranche. Um der Entstehung von Finanzkrisen vorzubeugen, soll die Regulierung der Banken eine zu schnelle Expansion des Kredit- und Einlagengeschäfts verhindern. Mehr als 40 Jahre lang wurde so der Bankensektor stabilisiert. Allerdings hatte diese Sicherheit auch ihren Preis, der sich inv ergleichsweise hohen Kosten der Bankkreditfinanzierung niederschlug. Seit den 90er Jahren förderten die Industrieländer-Regierungen gezielt die jetzt in die Krise geratene kapitalmarktdominierte Finanzwirtschaft. Dabei war es auch ihr Ziel, den Großunternehmen mit der kaum regulierten Wertpapierfinanzierung eine günstige Alternative zur Finanzierung über Bankkredite zu eröffnen. In ähnlicher Weiseebneten die Regierungen der Industrieländer auch den Weg dafür, dass neben der regulären Beschäftigung ein Sektor schlecht gesicherter und schlecht bezahlter Erwerbsarbeit wachsen konnte. Auch in der Bundesrepublik haben die Regierungen seit Mitte der 90er Jahre versucht, Arbeitslosigkeit dadurch zu bekämpfen, dass sie den Unternehmen die Möglichkeit erschlossen, auf Billigformen der Erwerbsarbeit wie prekäre Beschäftigung bzw. Arbeit in einem Niedriglohnsektor zurückzugreifen.  Vor allem in den letzten Jahren kam es dadurch zu einem - auch im internationalen Vergleich - erstaunlich schnellen Wachstum des Phänomens "Armut trotz Erwerbsarbeit". So gibt es mittlerweile in Deutschland mehr "working poor" als Arbeitslose, die unterhalb der Armuts(risiko)schwelle leben - viele von ihnen in Haushalten mit Kindern.

Vor diesem Hintergrund möchte ich in dem vorliegenden Beitrag nicht nur die traditionelle sozialkatholische Forderung nach einem familiengerechten Lohn vorstellen, sondern sie mit Blick auf die gegenwärtigen Probleme der deutschen Arbeitsgesellschaft aktualisieren und konkretisieren. Ich beginne deshalb mit drei grundlegenden Gerechtigkeitsdefiziten, die sich gegenwärtig auf dem Arbeitsmarktstellen (1), skizziere dann die traditionelle Lehre des familiengerechten Lohns in der Sozialverkündigung der Päpste (2) und frage nach Kriterien des gerechten Lohns, die man aus der besonderen Stellung der Erwerbsarbeit in der Arbeitsgesellschaft ableiten kann (3). Dann stelle ich ein Minimalkriterium der Leistungsgerechtigkeit dar, in dem es um die gerechte Regelung des Verhältnisses zwischen Arbeits- und Sozialeinkommen geht (4). Aus diesen Überlegungen folgere ich Mindeststandards für die Höhe des Nettolohns bei verschiedenen Haushaltskonstellationen (5) und skizziere dann ein Mix sinnvoller Reformen, mit denen die Bundesrepublik das Verhältnis von Transfer- und geringen Arbeitseinkommen gerecht regeln könnte (6).  Der Beitrag schließt mit ein paar Bemerkungen zur kirchlichen Praxis (7).

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