Gleiche Gerechtigkeit in kapitalistischen Marktwirtschaften

Friedhelm Hengsbach SJ

Zu Beginn des Jahres 2005 haben auf die Frage: "Hat die soziale Gerechtigkeit während der letzten drei bis vier Jahre in Deutschland abgenommen?" 80% der Befragten mit "Ja" geantwortet. Der Bundesverfassungsrichter Udo Steiner wehrte sich kurz darauf gegen eine derart verengte Vorstellung von Gerechtigkeit: "Die Deutschen sind gleichheitskrank"; sobald ein anderer mehr habe als er selbst, werde dies als ungerecht empfunden. Friedrich A. von Hayek würde sich in seiner Meinung nur bestätigt fühlen, hat er doch wiederholt erklärt, dass das Wort "soziale Gerechtigkeit" für eine Gesellschaft freier Menschen überhaupt keinen Sinn mache; es sei "nichts anderes als eine völlig nichtssagende Formel".

Die folgende Reflexion über die Gerechtigkeit, die in der praktischen Philosophie als herausragende Tugend und als Grundnorm politischer Ordnung hohe Anerkennung genießt, steht unter dem Erwartungsdruck, in einem Dialog über "Normativität und die Anwendungsbedingungen einer Wirtschafts- und Unternehmensethik in marktwirtschaftlichen Wettbewerbsstrukturen" ihren methodischen Anker zu finden.  Denn ein solcher Dialog hat die Auseinandersetzung um den systematischen Ort einer Wirtschaftsethik hinter sich gelassen, ob dieser in der Formulierung von allgemeinen Regeln besteht, die das Handeln der Individuen koordinieren, oder von Handlungsorientierungen, die den Entscheidungsprozess der Wirtschaftssubjekte anleiten. Der Streit um das exklusive oder kompatible Profil der diskurs- und verantwortungsethischen Vorgehensweise ist beigelegt, die Diskussion um die trennscharfe Abgrenzung der Begründung von Normen und deren Anwendung ist entschärft. Die Antinomie zwischen der Auslegung allgemein verbindlicher Grundsätze und ihrer Aneignung in konkreten Situationen ist im "quasi-dialogischen Frage-Antwort-Modell" ebenso aufgehoben wie die Aporie darüber, inwieweit kategorische Grundsätze im situativen Kontext mit welchen Folgen und Nebenwirkungen zumutbar sind. Und schließlich ist auch die jeweilige Ausschließlichkeit systemischer und handlungstheoretischer Deutungsmuster in ein Verhältnis wechselseitiger Korrespondenz überführt worden. 

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