Kapitalismuskritik bei Joseph Höffner und Oswald von Nell-Breuning

Friedhelm Hengsbach SJ

Kapitalismusanalyse und Kapitalismuskritik können in Deutschland nur in kritischen Aus­nahmezeiten mit einer aufmerksamen Resonanz rechnen. Die aktuelle Finanzkrise ist eine solche Ausnahmezeit. Sie wird durch drei Dimensionen verschärft. Zum einen ist eine ursprünglich US-amerikanische Immo­bilienkrise inzwischen zu einer Banken-, Währungs- und Welt­wirt­schafts­krise metastasiert. Zum andern gehören sowohl zu ihren Wurzeln als auch zu ihren Folgen die als bedrohlich wahrgenommene globale ökologische Zerstörung und gesellschaftliche Polarisierung. Und schließlich ist nach der schock­arti­gen Abkehr von marktradikalen, wirtschaftsliberalen Denkmustern, die dreißig Jahre galten, als nach dem Staat gerufen wurde, um den verlorenen Glauben an die Selbstheilungskräfte des Marktes abzufedern und das zusammen krachende Kartenhaus der Finanzjongleure zu stützen, nicht zu sehen, wie der Staat, der Bestandteil der Krise ist, als deren Retter auftreten könnte. Denn der Staat spannt Rettungsschirme über insolvenzreife Banken und Unternehmen, schont die Verursacher des Desasters, Banken und Gläubiger, während er die Folgelasten der Krise der Allgemeinheit aufbürdet. Er ist sogar ein Wiederholungstäter, indem er geordnete faire Insolvenzverfahren für Staaten und damit einen fairen Interessenausgleich verweigert, der den Gläubigern einen partiellen Forderungsverzicht zumutet, während den Schuldnern ein Aufschub, eine Umschuldung oder ein Schuldenerlass zugestanden wird. Die Erpressbarkeit demokratischer Staaten durch Großbanken, die nicht scheitern, und durch Industriekonzerne, deren Arbeitsplätze nicht wegfallen dürfen, weckt unter den wirtschaftspolitisch verantwortlichen Eliten in Deutschland den Wunsch, sich verstärkt auf die Soziale Marktwirtschaft zu besinnen. Eine solche Rückbesinnung erscheint auch deshalb plausibel, weil gerade 60 Jahre, bevor die aktuelle monetäre Krise anlässlich der Insolvenz der Lehmann Brothers Bank aufgedeckt wurde, die Realgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft mit der Einführung der D-Mark begann. Sie erscheint angemessen, weil das normative Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft sich als relativ deutungsoffen erwiesen hat. Es wurde von der Freiburger Schule, von Alfred Müller-Armack, von Karl Schiller, von den beiden Großkirchen und von der Initiative "Neue soziale Marktwirtschaft" als Antwort auf wechselnde Herausforderungen mit unterschiedlichen Optionen aufgeladen. Doch alle diese Interpreten haben es vermieden, die Wirtschaftsform in Deutschland als kapitalistische Marktwirtschaft zu bezeichnen, was sie de facto ist.

Diese Bezeichnung erfolgte mit der Eröffnung des Europäischen Binnenmarktes und der Einrichtung eines Europäischen Währungssystems Anfang der 1990er Jahre, als sich vermehrt Nichtdeutsche für das Deutungsmuster und Leitbild der sozialen Marktwirtschaft interessierten. Der deutsche Wirtschaftsstil wurde zu einem Exportartikel, weil er gerechte Ergebnisse hervorzubringen schien. Der Begriff der sozialen Marktwirtschaft ging sogar in französische Verfassungstexte ein. Der französische Manager Michel Albert taufte den Begriff um und erfand den "Rheinischen Kapitalismus". Diesen definierte er durch vier Merkmale: In der gelungenen Synthese von wirt­schaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und der Einbettung des Marktes in eine demokratische Gesell­schaft sowie in gemeinsame moralische Über­zeu­gungen erkennt er ein besonderes Profil. Als politische Schaltstellen, die zwischen Staat und Wirtschaft vermitteln, entdeckt er die wirtschaftlichen Interessenverbände. Dann ist für ihn die tendenziell egalitäre Einkommens- und Vermögensverteilung auffallend. Sie kommt durch die Tarifautonomie, die solidarischen Sicherungssysteme und die progressive Besteuerung der Einkommen zustande. Die Unternehmen werden darüber hinaus als Personenverband begriffen, die Manager moderieren verständigungsorientiert den Interessenausgleich der im Unternehmen engagierten Gruppen. Und schließlich ist die Kreditvergabe der Banken an die Unternehmen bei deren Finanzierung und ­Kontrolle dominant.

Bereits zu Beginn des neuen Jahrhunderts, als die Spekulationsblase der Neuen Wirtschaft auf den Finanzmärkten geplatzt war, gab dies den Anstoß für die Wiederaufnahme einer kritischen Analyse von Spielarten des Kapitalismus, die sich in drei Aspekten darstellte: Die vorrangig monetäre Dimen­sion wurde mit dem Etikett des "Finanzkapitalismus" beschrieben, der einen industriellen Unternehmer- und Managerkapitalismus abgelöst habe. Die subjektive Dimension wurde thematisiert, indem ein "neuer Geist des Kapitalismus" die bisher festen autoritären Strukturen in ein variables Netzwerk von Führungseliten transformierte. Die weltanschauliche Dimension eines "Kapitalismus als Religion", der alle gesellschaftlichen Sphären erobert, schien einen Paradigmenwechsel nahe zu legen, der die Grenzen einer bloß sozio-ökonomischen Analyse sprengt.

Die fortwährende Finanz- und Wirtschaftskrise sowie die dadurch inspirierten Denkströmungen regen mich zu der folgenden Untersuchung an, welche Rolle die Analyse und Kritik des Kapitalismus in der wirtschaftsethischen Reflexion Joseph Höffners und Oswald von Nell-Breunings spielt.

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