Kapitalismuskritik in der katholisch-sozialen Bewegung

Friedhelm Hengsbach SJ

In dem Gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort der deutschen Kirchen von 1997 wird einer "Marktwirtschaft pur" die "bewußt sozial gestaltete Marktwirtschaft" als Leitbild gegenüber gestellt, die einen erfolgreichen "produktiven Kompromiss zwischen wirtschaftlicher Freiheit und sozialem Ausgleich" darstellt. Diese sei nicht bloß ein effizienter Wirtschaftsstil, sondern eine staatlich gewährleistete Wirtschaftsordnung mit Grundsätzen und Institutionen, in denen sich die Grundsätze verkörpern. Zu den Grundsätzen gehören das Privateigentum, dessen Gebrauch dem allgemeinen Interesse verpflichtet bleibt, ein funktionierender Wettbewerb und eine sozialstaatliche Absicherung der Einkommen von Nichterwerbstätigen. Als Institutionen werden die Betriebs- und Unternehmensverfassung einschließlich der Mitbestimmung der Arbeitnehmer, die Tarifautonomie, die Arbeitsschutzgesetze, die freie Berufs- und Arbeitsplatzwahl, ein System der sozialen Sicherung sowie die Arbeits- und Wohnungsmarktpolitik genannt. Zu den Komponenten, die der Marktwirtschaft in Deutschland das Adjektiv: "sozial" verliehen haben, zählen das wirtschaftspolitische Ziel einer gerechten Verteilung und Beteiligung der Menschen am gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben, die gemeinsame Verantwortung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer für faire Arbeitsbedingungen, die gleichrangigen Brückenpfeiler marktwirtschaftlicher Effizienz und sozialstaatlichen Ausgleichs, die Richtigkeitsvermutung für die Verhandlungsergebnisse der Tarifparteien zur Regelung von Konflikten um die Verteilung eines wachsenden Sozialprodukts und die Verkörperung von "Wirtschaftsbürgerrechten" in der Betriebsverfassung und in der unternehmerischen Mitbestimmung.  

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