Modernisierung des deutschen Finanzsystems - Ende der Sozialen Marktwirtschaft?

Bernhard Emunds

Zu den besonders einflussreichen Aspekten im Werk von Bertram Schefold gehört sein Rückgriff auf das Konzept des Wirtschaftsstils, bei dem es ihm um die "zusammenhängende Charakterisierung der Besonderheit der Wirtschaftsweise in einer bestimmten Epoche und einem bestimmten Raum" (Schefold 1994, 99), insbesondere um die spezifische Ausprägung eines Wirtschaftssystems geht. Auf der Grundlage einer Liste von Arthur Spiethoff (1932, 76-77) hat er die folgenden Dimensionen des Wirtschaftsstils benannt: (1) die natürlichen und technischen Grundlagen der Wirtschaft, (2) die Wirtschaftsverfassung, (3) die Gesellschaftsverfassung, (4) die Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftsdynamik sowie (5) die Wertedimension. Mit dem Begriff des Wirtschaftsstils betont Schefold erstens den innerenZusammenhang der verschiedenen Aspekte des Wirtschaftens, sozusagen die Stimmigkeitin der Zusammenstellung der verschiedenen Dimensionen. Zweitens verweist er mit dem Begriff auf die wichtige Frage, ob die spezifische Art und Weise des Wirtschaftens zu den nicht-ökonomischen Institutionen und zu den kulturellen Orientierungsmustern der Gesellschaft passt. Und drittens nutzt er den Begriff, weil er es erleichtert, in Abgrenzung zu den diversen Richtungen materialistischer Geschichtsdeutung von einer prinzipiellen Gleichrangigkeit der verschiedenen Stildimensionen einschließlich der Wertedimension auszugehen (vgl. Schefold 1994, z.B. 25, 28, 53, 99).

Dabei ist für Schefold "das eigentlich interessante ... nicht der Stil in statischer Betrachtung,sondern der Stilwandel" (ebd., 26). Und mit einigen kurzen Sätzen deutet er an, welche Forschungsfragen sich stellen, wenn man den gegenwärtige Stilwandel zu erfassen sucht, "der in der Bundesrepublik mit dem Auslaufen der Wiederaufbauphase sich abzuzeichnenbegonnen hat" (ebd., 27): "Ökonomische Aspekte spielen jedenfalls insofern eine größere Rolle, als in den Medien mehr von ihnen die Rede ist als je zuvor, während das Wachstum sich stark abgeschwächt hat. Die Außenorientierung ist geblieben, der Binnenmarkt schwächer. Die der Stabilität zugrunde liegende zurückhaltende Lohnpolitik sieht sich in Frage gestellt. Die Ausdehnung der Staatsquote ist an eine Grenze gestoßen. Wie sind nun Deregulierung, die wachsende Rolle des Kapitalmarkts, die fortscheitende Konzentration, der Kampf um neue Technologien, die Umschichtung der Staatsausgaben zu interpretieren? Mit welchen Wertänderungen gehen der Übergang zu kleineren Familien, zu neuen Berufen, die gewachsene Arbeitslosigkeit (besonders bei der Jugend), die veränderten Aufgaben der Manager einher? Oder wie hängen die Veränderungen des Steuersystems und das Wertesystem zusammen" (ebd.)?

Der vorliegende Beitrag greift einen Aspekt dieses Stilwandels auf, der in der kurzen Liste Schefolds als "wachsende Rolle des Kapitalmarkts" erscheint. Dabei werden die grundlegenden Veränderungen in der privaten Finanzwirtschaft der Bundesrepublik, der Bedeutungszuwachs der Wertpapiermärkte und des Investmentbanking sowie die damit verbundene Ausbreitung eines neuen Leitbilds unternehmerischen Handelns als ein tiefgreifender Wandel begriffen, der die Langfristorientierung deutscher Unternehmen in Frage stellt. Und diese Langfristigkeit in den Zielvorstellungen unternehmerischen Handelns wird als Grundlage herausgestellt für ein zentrales Charakteristikum des Wirtschaftsstils "Soziale Marktwirtschaft": dassauch in den Unternehmen selbst verankerte Bemühen, zwischen den Interessen der Kapitalgeber-Gruppen und denen der Arbeitnehmer-Gruppen einen Ausgleich zu finden. Die damit angedeutete Herausforderung, die der aktuelle Stilwandel im Bereichder Finanzwirtschaft für den Wirtschaftsstil der Sozialen Marktwirtschaft insgesamt beinhaltet, wird in dem vorliegenden Beitrag in drei Argumentationsschritten herausgearbeitet. Zuerst wird die Soziale Marktwirtschaft als ein Wirtschaftsstil charakterisiert, für den die Langfristigkeit unternehmerischer Strategien von entscheidender Bedeutung ist. Dann wird aufgezeigt, inwiefern das rein bankendominierte Finanzsystem, das in der Bundesrepublik bis Mitte der 90er Jahre weitgehend intakt blieb, diese Langfristorientierung finanzwirtschaftlich absicherte. Dabei dient der US-Aktienmarkt der 80er Jahre, der als Markt für Unternehmenskontrolle fungierte, als Kontrastfolie, welche die Besonderheiten dieser mittlerweile historischen Konstellation der Finanzwirtschaft deutlicher hervortreten lässt. Und schließlich geht der Beitrag der Frage nach, inwiefern es den Vorständen deutscher Unternehmen durch neuere Entwicklungen des Finanzsystems erschwert wird, an einer langfristorientierten Geschäftspolitik festzuhalten.

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