Schwund des Arbeitsvermögens unter dem Renditedruck der Finanzwirtschaft

Bernhard Emunds

Die Erwerbsarbeit ist in Europa für die gesellschaftliche Integration der Menschen von zentraler Bedeutung - und sie wird es auf absehbare Zeit bleiben. Reformpolitik, mit der die persönlichen Entfaltungs- und gesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger ausgebaut werden sollen, wird deshalb auch darauf zielen, Erwerbsarbeit fair zu verteilen und gerecht zu gestalten. Im Fokus der gesellschaftspolitischen Aufmerksamkeit stehen dann die Lebenschancen, die mit bezahlter Erwerbstätigkeit (bzw. mit bestimmten Formen der Erwerbsarbeit) verbunden sind oder durch diese den Menschen vorenthalten werden.

In einer Zeit, in der Unternehmen vor allem dann erfolgreich sind, wenn es ihnen gelingt, die Qualifikationen kompetenter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglichst umfassend zu nutzen, ist es sinnvoll, die längerfristigen Voraussetzungen eines solchen gelingenden Einsatzes der Arbeitskraft in den Blick zu nehmen. Der Begriff "Arbeitsvermögen", der nicht nur die Ressourcen menschlicher Aktivität, sondern auch die erworbenen und aktuell abrufbaren Kompetenzen der Beschäftigten umfasst, lenkt die Aufmerksamkeit auch auf diese Herausforderung. Der Einbezug der Beschäftigten und ihrer Qualifikationen in die Wertschöpfung setzt eben voraus, dass deren Fähigkeit, sich so einzubringen, ausgebildet sowie kontinuierlich gepflegt und vor "Verschleiß" durch übermäßige Beanspruchung geschützt wird.

In dem vorliegenden Beitrag soll der Frage nachgegangen werden, ob mit Entwicklungen der Finanzwirtschaft in den letzten zehn bis zwanzig Jahren nicht die Voraussetzungen dafür, dass die Unternehmen mit dem Arbeitsvermögen ihrer Beschäftigten "pfleglich" umgehen, schlechter geworden sind. Nach einigen einleitenden Bemerkungen zu der mit dem Begriff "Arbeitsvermögen" eingeführten Vermögensperspektive (1) werden deshalb zuerst die Veränderungen in der Finanzwirtschaft skizziert (2) und dann deren Auswirkungen auf die Rendite-Orientierung deutscher Unternehmen abgeschätzt (3 und 4). Der Beitrag schließt mitein paar Überlegungen zu möglichen Handlungskonsequenzen für die politische Gestaltung der Finanzwirtschaft (5).

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