Soziale Menschenrechte im Horizont katholischer Soziallehre

Friedhelm Hengsbach SJ

Wer die Erklärungen des gegenwärtigen Papstes über die kirchliche Soziallehre als eines besonderes Aspekts der Verkündigung einer befreienden Wahrheit liest, mag den Eindruck gewinnen, als sei diese trotz der Besonderheiten des einen oder anderen Rundschreibens oder der Lehre des einen oder anderen Papstes eine einzige kohärente und zugleich stets neue Lehre. Mit dieser Kohärenz des gesamten Corpus der Lehre will Benedikt XVI. nicht die Geschlossenheit eines Systems, sondern die dynamische Treue zu einem empfangenen Licht behaupten. Die Soziallehre, meint der Papst, beleuchte die immer neuen Probleme, die auftauchen, mit einem Licht, das sich nicht verändert. Erst recht lasse sich nicht ein Typ kirchlicher Soziallehre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil von einem anderen nach dem Konzil unterscheiden.

Nun klingen diese Aussagen über die kirchliche Soziallehre ziemlich spekulativ. Sie sind auch ein dogmatisches Konstrukt. Sie widersprechen der real existierenden kirchlichen Lehre, deren Gegensätze durch eine geschichtslose Gesamtschau übertüncht werden. Folglich ist es angemessen, zuerst den hermeneutischen Wechsel des Horizonts der kirchlichen Soziallehre zu veranschaulichen, den das Zweite Vatikanische Konzil vollzogen hat, zweitens die im Zeitverlauf widersprüchlichen Positionen und besonderen Profile der kirchlichen Soziallehre zur Aner­kennung von Menschenrechten zu ermitteln, und drittens die Grammatik einer Anerkennung sozialer Menschenrechte derjenigen, die durch eine natürliche und gesell­schaftliche Lotterie benach­teiligt, die abhängig beschäftigt sind, sowie der Frauen und der Entwicklungsländer zu skizzieren.

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