Wirtschaft/Ökonomie

Bernhard Emunds  

1 Zu den Begriffen

1.1 Wirtschaft

Wirtschaft (nicht selten auch: Ökonomie) bezeichnet einen Handlungsbereich moderner Gesellschaften und deren grenzüberschreitende Integration. Bei der Verwendung des Begriffs in der Alltagssprache geht es vor allem um zwei Gruppen von Institutionen: zum einen um Märkte, also um den Tausch von Geld (oder Zahlungsverpflichtungen) gegen Güter (= Waren und Dienstleistungen), gegen Finanztitel (inkl. Geld anderer Währungen) oder andere Vermögenswerte (inkl. Nutzungs- und Verschmutzungsrechten) oder gegen das Recht, zeitlich begrenzt über Arbeitskraft verfügen zu können, zum anderen um Unternehmen, also um Organisationen, die mit Blick auf eine erwartete kaufkräftige Nachfrage Güter bereitstellen (Leistungserstellung). Alltagssprachlich werden neben den genannten Institutionen auch diejenigen Personen als Wirtschaft bezeichnet, die Eigentümer von Unternehmen sind oder Leitungsfunktionen darin wahrnehmen, sowie deren Interessenverbände oder Verbandsvertreter.            

Typisch für die Verwendung des Begriffs in der heutigen Alltagssprache ist, dass er, sofern es um Institutionen geht, die Sphäre des Marktes und die Sphäre der Leistungserstellung umfasst. Einige wissenschaftliche Definitionsvorschläge weichen von diesem Verständnis so stark ab, dass ihre Verwendung erhebliche Missverständnisse wahrscheinlich macht. Nicht wenige Autoren definieren Wirtschaft als den Handlungsbereich einer Gesellschaft, in dem gewirtschaftet wird. Eine Möglichkeit besteht dann darin, dieses Wirtschaften als Handeln nach dem ökonomischen Prinzip zu definieren, d.h. als Bemühen, entweder gegebene Ziele mit möglichst geringem Mittelaufwand zu erreichen oder mit gegebenen Mitteln den größten möglichen Erfolg herauszuholen.  Da sich die Aufgabe, vorhandene Mittel sparsam oder effizient ("wirtschaftlich") einzusetzen, aber in allen oder zumindest in den meisten Handlungsbereichen der Gesellschaft - wenn auch mehr oder minder dringlich - stellt, führt die Definition von Wirtschaft als Bereich, in dem nach dem ökonomischen Prinzip gehandelt wird, zu einem extrem weiten und insofern unbrauchbaren Wirtschaftsbegriff. Andere Autoren definieren Wirtschaften als jenes menschliche Handeln, das auf einen "dauernden Einklang von Bedarf und Deckung" zielt oder, wie es bei W. Sombart heißt, der "Unterhaltsfürsorge" dient. Da bei wirtschaftlichen Gütern lange Zeit die Agrar- und Industrieprodukte im Vordergrund standen, wurde früher häufig betont, dass alle Handlungen in der langen Kette der Produktion (Erzeugen), Distribution (Bereitstellung bei denjenigen Personen, die ihrer bedürfen) und Konsumtion (Genuss, Nutzbarmachung, Verbrauch) von Waren dem einen Ziel dienten, menschliche Bedürfnisse durch materielle Mittel zu decken, insofern unter den Begriff des Wirtschaftens fielen und zum gesellschaftlichen Handlungsbereich Wirtschaft gehörten.  Folgt man diesem Begriffsverständnis, dann schließt – auch wenn es um Dienstleistungen geht, bei denen meist das Erbringen der Leistung und deren Konsumtion zeitlich zusammenfallen – der Handlungsbereich Wirtschaft erstens den Staat ein, der z. T. auch Güter bereitstellt, und zweitens die privaten Haushalte, in denen die Güter (ggf. nach einem internen Abschluss des Bereitstellungsprozesses, z.B. Zubereitung einer Mahlzeit mit gekauften Lebensmitteln) konsumiert werden. Eine solche Definition des Begriffs "Wirtschaft" hebt zwar einprägsam hervor, dass wirtschaftliche Institutionen der Aufgabe dienen, die von den Gesellschaftsgliedern benötigten bzw. gewünschten Güter bereitzustellen. Aber die alltagssprachlich mit dem Begriff Wirtschaft bezeichneten Institutionen erfüllen diese Aufgabe nicht allein, sondern nur im Verbund mit staatlichen Einrichtungen und privaten Haushalten. Insofern ist auch diese Definition von Wirtschaft erheblich weiter als das in der Alltagssprache verbreitete Verständnis.  

[Weiterlesen]