ISBN: 3895186503

Das Proletariat

Friedhelm Hengsbach SJ

Wirtschaftswissenschaftliche Experten sind immer hektischer und ratloser, eine überzeugende Zeitdiagnose zu liefern. So wird die Auseinandersetzung mit Werner Sombart, neben Max Weber einem Urgestein der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, zu einer abenteuerlichen Entdeckungsreise. Beide haben die Wirtschaft als Bestandteil gesellschaftlicher und kultureller Verhältnisse begriffen. Deshalb klingen ihre Diagnosen hoch aktuell.

Sombart hat die miserable Lage der proletarischen Familien zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse des Kapitalismus erklärt. Die Befreiung der Proletarier erwartete er von ihrer politischen Selbstorganisation, flankiert durch eine sozial ausgerichtete Wirtschaftspolitik des Staates. Sombarts Schrift: "Das Proletariat" ist ein sachlich kompetent und emotional aufwühlendes Zeitdokument.

Sombarts Kapitalismuskritik und gesellschaftliche Vision sind offenkundig durch die Geschichte überholt. Die Wohlstandsdynamik hat den Klassenkonflikt überwunden, das Proletariat hat sich in eine nivellierte Mittelschicht aufgelöst. Differenzierte Lebensstile und nicht Klassenlagen erklären die Struktur einer modernen Gesellschaft.

Der Glanz trügt. Seit einem Vierteljahrhundert sind immer mehr Bevölkerungsgruppen vom Armutsrisiko betroffen. Eine Zone der Verwundbarkeit hat sich unter den abhängig Erwerbstätigen ausgebreitet. Bewährte solidarische Sicherungssysteme wurden politisch deformiert. Nationale Regierungen orientieren sich an den Interessen von Finanzinvestoren und grenzen Bevölkerungsgruppen wirtschaftlich und politisch aus. Die vertikale Ungleichheit der Einkommen und Vermögen wächst. Wie kann in dieser Zeit sozialer Entsicherung der Finanzkapitalismus demokratisch angeeignet und eine soziale Wirtschaftspolitik zurück gewonnen werden? Die Wiederkehr einer Klassengesellschaft ist im zweiten Teil des Buches nachgezeichnet.