Tagung "Stadtluft macht reich/arm"

Oswald von Nell-Breuning-Institut — Tagungsbericht Stadtluft macht reich/arm

Stadtluft macht reich — und sie macht arm. Doch wie greifen städtische Reichtums­produktion, soziale Ungleichheiten und die „Armut“ der öffentlichen Hand ineinander? Dieser Frage haben sich über 70 TeilnehmerInnen im Rahmen einer Tagung der interdisziplinären Veranstaltungsreihe »die Wirtschaft der Gesellschaft« gestellt. Mit der Fachtagung – gemeinsam organisiert mit der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg – bot das Nell-Breuning-Institut eine Diskussionsplattform für eine aktuell besonders brisante Problematik. WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Sozialwissenschaften, der Geschichtswissenschaft und der Christlichen Sozialethik sowie PraktikerInnen und TheoretikerInnen der Stadtplanung diskutierten neue Trends in der Entwicklung deutscher bzw. westeuropäischer Städte und deren Folgen für die soziale Ungleichheit. Im Vordergrund standen dabei Analysen zur Stadt als Bühne und Vehikel der Integration und Segregation – als Raum, in dem sich für viele BürgerInnen wirtschaftliche, soziale und kulturelle Möglichkeiten ballen und viele andere unter dem Ausschluss von diesen Möglichkeiten leiden.

Ökonomisch bestimmte Bahnen des Wandels großer Städte, Trends der Stadtentwicklung als Indikatoren, aber auch als Verstärker sozialer Ungleichheiten – all das ist nicht neu. Das wurde in dem einführenden Vortrag von Prof. Dr. Friedrich Lenger (Universität Gießen) über europäische Großstädte seit 1850 deutlich. Die Gegenwartstendenzen einer Kommerzialisierung des öffent­lichen Raums und einer Selbstabschottung wohlhabender BürgerInnen (gated communities) bestimm­ten die anschließende Diskussion. 

Daran schloss die folgende thematische Einheit zur Stadt als Integrations- und Segregationsmotor an. In Impulsvorträgen diskutierten Dr. Andrej Holm von der Berliner Humboldt-Univer­sität, Prof. Dr. Felicitas Hillmann vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung und Prof. Dr. Matthias Möhring-Hesse von der Universität Tübingen über Chancen und den Ausschluss von Chancen in Städten. Im Sinne der Gentrifizierungsthese begriff der Stadtsoziologe Andrej Holm die Stadt als Voraussetzung, Arena und Resultat gesellschaftlicher Konflikte. Wohnraum wird knapp, Wohnungen werden zwangsgeräumt und luxussaniert, Menschen werden aus ihren angestammten Vierteln an den Rand der Stadt vertrieben. Felicitas Hillmann, Expertin für Migra­tion, Stadtentwicklung und Raumforschung, sah in migrantischem Unternehmertum vor allem eine Chance zur Regeneration städtischer Problemviertel. Der Sozialethiker Matthias Möhring-Hesse fragte nach verschiedenen Aspekten von »spatial justice« in der Stadtentwicklung. Zu einer leben­digen Diskussion führte u.a. seine These, die ethnische und soziale Homogenisierung städtischer Wohnräume sei nicht unbedingt ein Problem. Im Gegenteil, recht homogene Wohnmilieus könnten für migrantische Gruppen auch zu einer wichtigen Ressource der Integration werden. 

Der interdisziplinäre Theorie-Praxis-Dialog – Stadtplanerin mit Sozialethiker, Architekt mit Sozialwissenschaftlerin, Stadtgeografin  mit Ökonom – bot aber nicht nur Raum für Analysen und ethische Reflexionen, sondern auch für konstruktive und kreative Ideen, die in diesen zwei Tagen vor allem in vier Arbeitsgruppen entwickelt wurden. So sprach sich Prof. Dr. Matthias Kalkuhl von der Universität Potsdam in seinem Impulsvortrag zu steigenden Bodenrenten und Vermögensun­gleich­heiten für eine Bodensteuer aus, mit der der Staat einen wesentlich Teil der Bodenrenten abschöpfen solle. Dabei besteuere der Staat letztlich den Wert, den er selbst durch öffentliche Investitionen schaffe. Prof. Dr. Berthold Vogel vom SOFI Göttingen stellte öffentliche Güter als zentrale Möglichkeit der Planung und Gestaltung von Städten jenseits der Wohnungsfrage vor. Aus der Perspektive eines sozialwissenschaftlich gehaltvollen Begriffes öffentlicher Güter betonte er deren normative und gesellschaftspolitische Aspekte. Öffentliche Güter seien so immer auch Gegenstand von Konflikten. Positive urbane Entwicklungs­prozesse könnten aber auch von anderen Akteuren angestoßen oder gefördert werden, zum Beispiel von den Kirchen, so Dr. Petra Potz von location3. Anhand gelungener Beispiele machte sie Kirchengemeinden, Diözesen/Landeskirchen und geistlichen Gemeinschaften Mut, ihre kaum noch oder gar nicht mehr genutzten Liegenschaften für kreative Wohn- und Stadtteilprojekte zu nutzen. Um den Lebensraum Stadt wieder für alle erlebbar zu machen, machte sich Dipl.-Ing. Runrid Fox-Kämper vom Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung für mehr grüne Infrastruktur in den Städten stark.

Zum Abschluss der Tagung diskutierten die TeilnehmerInnen aus sozialwissenschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Sicht darüber, wie Finanzinvestoren die städtischen Immobilien als rendi­te­trächtige »assets« nutzen und damit den Lebensraum Stadt verändern. Die Humangeografin Prof. Dr. Susan­ne Heeg von der Goethe-Universität Frankfurt am Main führte den steigenden Einfluss der Finanz­in­ve­sto­ren auf die Stadtentwicklung darauf zurück, dass das schnell wachsende Kapital nach Anla­ge­möglichkeiten suche. Für hohe Renditen würden städtische Immobilien ausgeschlachtet: immer mehr Ärztehäuser und Shoppingcenter, zu wenige, aber immer teurere Wohnungen. Die Finanzia­lisierung von Wohnraum durch börsennotierte Wohnungsbauunternehmen kritisierte auch Knut Unger vom MieterInnenverein Witten. Prof. Dr. Stefan Kofner von der Hochschule Zittau/Görlitz unter­suchte, mit welchen betriebswirtschaftlichen »Hebeln« diese Unternehmen ihre Gewinne zu steigern suchen.

Im Rahmen der Tagung fand auch die öffentliche Podiumsdiskussion »Frankfurt – umkämpfte Stadt. Ökonomische Interessen und Bürgerbeteiligung« statt. Damit griff das Institut ein Thema auf, das vielen FrankfurterInnen in Zeiten steigender Mieten und eines reduzierten sozialen Wohnungs­baus auf den Nägeln brennt. Der Projektentwickler Dr. Philipp Feldmann, der ehemalige Stadtrat und Dezernent Dr. Martin Wentz und Conny Petzold von der Initiative »Eine Stadt für alle« beleuch­teten die Ursachen des Wohnungsmangels in Frankfurt aus ihren unterschiedlichen Perspektiven – und fanden zu einem konstruktiven Dialog über Wege, diesen zu beseitigen.

Die Ergebnisse der Fachtagung wird das Nell-Breuning-Institut im ersten Halbjahr 2017 in einem Buch veröffentlichen.

Isabella Henkenjohann

Den Bericht zur Tagung können Sie sich hier als PDF herunterladen.

 

Öffentliche Podiumsdiskussion anlässlich der Tagung

Frankfurt – umkämpfte Stadt
Ökonomische Interessen und Bürgerbeteiligung

Do 22. September 2016, 19:30-21:30 Uh

Eintritt frei

Ort: Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen, Offenbacher Landstraße 224, 60599 Frankfurt am Main

 

 

 

 

 

 

 

  • Prof. Dr. Martin Wentz, ehem. Planungsdezernent von Frankfurt
  • Conny Petzold, Stadt für alle
  • Dr. Philipp Feldmann, CILON Immobilien GmbH

  

Städte, vor allem große Städte, lassen Platz für vielfältige Lebensstile, Überzeugungen und Kulturen. Am Beispiel von Frankfurt am Main soll über aktuelle Trends und zukünftige Entwicklungen diskutiert werden: Welche wirtschaftlichen Faktoren sind für Stadtentwicklungen entscheidend? Wem wird Raum gegeben, sich frei zu entfalten, und wer wird in vernachlässigte Stadtviertel abgedrängt? Wer eignet sich städtischen Boden an und wie wirkt das auf die Stadt – und auf die Chancenverteilung in der Stadt zurück? Wie kommt es zu rasant steigenden Immobilienpreisen und wer profitiert davon?