Interdisziplinäre Tagung "Freiheit, Gleichheit, Selbstausbeutung"

Geschrieben am 22.10.2019
in: Veranstaltungen

In die Dienstleistungsgesellschaft wurden einst von Jean Fourastié große Hoffnungen von egalitären Einkommen und steigenden Löhnen gesetzt. Heute geht diese dagegen mit einem Ausbau sozialer Ungleichheit und mit prekären Arbeitsverhältnissen einher. Führt der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft in eine demokratisch-egalitäre Gesellschaft oder – im Gegenteil – zu ausbeuterischen Dienstbot_innenverhältnissen vermeintlich längst vergangener Zeiten? Mit dieser übergreifenden Fragestellung befasste sich die Fachtagung des Nell-Breuning-Instituts und der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) am 30. September und 1. Oktober an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. Sechzig Wissenschaftler_innen aus Ökonomie, Sozialethik, Soziologie, Politik- und Rechtswissenschaft sowie Praktiker_innen aus Gewerkschaften und Kirche diskutierten in vier Arbeitsgruppen und in fünf Plenumseinheiten über die Zukunft der Demokratie und des Sozialstaats in der Dienstleistungsgesellschaft.

Einen ersten zentralen Bezugspunkt der Tagung bildete die These der Baumolschen Kostenkrankheit: Soziale Dienstleistungen können – im Gegensatz zur industriellen Fertigung – nur sehr begrenzt in ihrer quantitativen Produktivität gesteigert werden. Folglich steigen mit allgemeinen Lohnzuwächsen die Kosten in der Pflege und bedingen die heutige Sorge-Krise mit. Das Konzept der Kostenkrankheit bietet somit eine hohe Erklärungskraft für derzeitige Herausforderungen im Bereich der Pflegeerwerbsarbeit. Gleichzeitig war die These William J. Baumols auf der Fachtagung Gegenstand kontroverser Diskussionen: Mit dem Konzept der „Kostenkrankheit“ in der Pflege wird die Industrie und deren Verständnis quantitativer Produktivität als zentrale Referenz gesetzt. Muss wirtschaftliches Handeln dagegen nicht vielmehr von der Care-Arbeit her verstanden werden? Insbesondere da Care-Tätigkeiten die Basis jeglichen sogenannten „produktiven“ Arbeitens bilden? Demnach müsste Care als grundlegende Bedingung wirtschaftlichen Handelns und nicht als eine weniger produktive Ausprägung desselben theoretisiert werden.

So warf auch Margareta Kreimer (Universität Graz) aus Perspektive feministischer Ökonomie die Frage auf, inwieweit es der Konzeption einer ganz anderen, einer Care-Ökonomie bedarf, um den Spezifika von Care gerecht zu werden. Auch Uta Meier-Gräwe (Universität Gießen) verdeutlichte in ihrem Vortrag eindrücklich, dass Care-Arbeit in der Mainstream-Ökonomie sträflich vernachlässigt wird. So würde das BIP in Deutschland um vierzig Prozent steigen, wenn unbezahlte Arbeit und Ehrenamt als „produktive Arbeiten“ monetarisiert würden. Auch schlug sie vor, Care als zentrale Arbeit in allen Lebensläufen mit zu bedenken. Im Anschluss an Nancy Fraser plädierte sie für eine Neuorientierung des Erwerbs- und Sorgemodells („earner carer model“), in dem beide Geschlechter in gleichem Umfang Sorge- und Erwerbsarbeitsverpflichtungen tragen. Hierdurch würde zum einen der starken geschlechtsspezifischen Ungleichverteilung von Care-Arbeit und zum anderen dem Renten-Gap zwischen den Geschlechtern entgegengewirkt.

Die Rolle des Staates in der Zukunft der Dienstleistungsgesellschaft wurde zum Gegenstand einer zweiten zentralen Debatte auf der Tagung. Hagen Krämer (Hochschule Karlsruhe) äußerte die Erwartung, dass angesichts der Kostenkrankheit sozialer Dienstleistungen auch die staatliche Unterstützung in ihren Kompensationsmöglichkeiten begrenzt bleiben werde. Ingo Bode (Universität Kassel) zeigte dagegen auf, dass bereits ein deutlicher Ausbau des Sozialstaates erfolgt sei. Gleichwohl diagnostizierte er, dass dieser Ausbau in Form eines „unsozialen Sozialstaates“ vollzogen worden sei. Der Londoner Publizist Paul Mason legte im öffentlichen Abendvortrag den Akzent dagegen auf das egalitäre Potenzial in den sozialen Dienstleistungen. Masons These vom „Postkapitalismus“ besagt, dass mit der Senkung der Produktionskosten durch digitale Technologien die Entwicklung in eine klassenlose Dienstleistungsgesellschaft möglich geworden sei. Zugleich hält er einen investiven Staat für unverzichtbar, um gute soziale Dienstleistungen überhaupt generieren und ihr Potenzial gesamtgesellschaftlich ausschöpfen zu können. Dabei werden zwei Fragerichtungen aufgeworfen, die einerseits auf das egalitäre Potenzial in den neuen digitalen Technologien abzielen und andererseits auf einen – tatsächlich „sozialen“ – Ausbau des Sozialstaates Bezug nehmen.

Einen dritten Debattenstrang bildete die Rolle des Ehrenamtes und des nachbarschaftlichen Engagements in der Pflegearbeit. Wie Ilona Ostner (Universität Göttingen) im historischen Überblick aufzeigte, werde die „Versorgungskrise“ oder Care-Krise bereits seit den 1980er Jahren thematisiert. Heute sei diese lediglich durch den demographischen Wandel und die steigende weibliche Erwerbstätigkeit verschärft. Damals wie heute bestehe die Antwort darin, eine neue Form des Welfare Mixes zu fordern. Debattiert wurde hierbei insbesondere die Aktivierung informeller ehrenamtlicher oder sozialbürgerschaftlicher Potenziale. Sollten sozialpolitische Strategien der Zukunft verstärkt auf ehrenamtliches Engagement setzen? Oder ist hier der Übergang zum Niedriglohnsektor und zur Ausbeutung fließend?

Eine vierte grundlegende Debatte der Fachtagung galt der Erwerbsarbeit in den sozialen Dienstleistungen, insbesondere in der Pflege. Wolfgang Schroeder (Universität Kassel) skizzierte hierbei die Schwierigkeiten, eine Interessenvertretung der Pflegekräfte zu organisieren. Die aktuelle Rolle und die Gestaltungsspielräume der kirchlichen Wohlfahrtsverbände in dem teilweise prekarisierten Sektor sozialer Dienstleistungen wurden von Karl Gabriel (Universität Münster) und Eva Welskop-Deffaa (Deutscher Caritasverband) diskutiert. Michaela Evans (Institut für Arbeit und Technik Gelsenkirchen) befasste sich mit der Einführung digitaler Technologien in der Pflegeerwerbsarbeit. Hierbei betonte sie die Notwendigkeit der Einbindung der Pflegekräfte in die Entwicklung und Anwendung der Technologien, mit denen auch die Chance einer Aufwertung der Fachpflege verbunden sei. Die Arbeitsverhältnisse in der Pflegeerwerbsarbeit aus rechtlicher Perspektive thematisierte Kirsten Scheiwe (Universität Hildesheim) in ihrem Vortrag zur Scheinselbständigkeit. Hans J. Pongratz (LMU München) diskutierte aus der Perspektive des Marxschen Ausbeutungsbegriffs das Konzept der Selbstausbeutung.

Auf der interdisziplinären Fachtagung wurde so zwei Tage lang kritisch-konstruktiv über die Zukunft der Dienstleistungsgesellschaft diskutiert. Zum gleichen Thema wird das Nell-Breuning-Institut im Jahr 2020 einen Sammelband veröffentlichen, der zentrale Impulse der Tagung aufgreift.

Tagungsbericht von Simone Habel

Das Programm der Tagung zum Nachlesen finden Sie hier.