Forschungsschwerpunkte

Die Forschungsaktivitäten des Nell-Breunig-Instituts gliedern sich in vier Forschungsfelder: Arbeit, Sozialstaat, Finanzmärkte und Investment, Sozial- und wirtschaftsethische Grundlagen.

Arbeit in Deutschland – und weltweit

In kapitalistischen Marktwirtschaften ist das Verhältnis von Arbeit und Kapital eine Grundfrage sozialethischer Reflexion. Diese ist in den letzten Jahren dringlicher geworden, u.a. weil wirtschaftliche Entscheidungen zunehmend an kurzfristigen Gewinnzielen ausgerichtet werden, die für den Einbezug von Beschäftigteninteressen wenig Spielraum lassen, und weil der Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft wieder verschärft wurde („Kommodifizierung“). Zu den Ursachen gehört die Intensivierung des Wettbewerbs auf den Gütermärkten, mit dem für die Unternehmen eine Zunahme von Risiken einhergeht, die sie soweit wie möglich abzuwälzen suchen – auch an die Beschäftigten. Hinzu kommen in vielen Ländern, auch in Deutschland, grundlegende sozialstaatliche Veränderungen, vor allem der Wechsel zu „Workfare“ bzw. „Aktivierungsstrategien“.

Mit der Kommodifizierung der Erwerbsarbeit steigen aber auch die Risiken, denen die unentgeltliche, nach wie vorrangig den Frauen zugewiesene Sorgearbeit ausgesetzt ist. Unter erheblichem Prekarisierungsdruck steht zudem die als Erwerbsarbeit geleistete Sorgearbeit. Personenbezogene Dienstleistungen werden nicht selten zu niedrigem Lohn und unter schlechten Arbeitsbedingungen erbracht, Haushaltsnahe Dienstleistungen ganz überwiegend in Schwarzarbeit.

Nicht nur in deutschen Unternehmen, sondern weltweit wird die Arbeit der abhängig Beschäftigten fast ausschließlich als Kostenfaktor wahrgenommen und nicht als gleichberechtigter Beitrag zu einer produktiven Kooperation oder als Tätigkeit einer Person, die Träger von Rechten ist und z.B. Anspruch auf Mitbestimmung hat.

Aktuelle Projekte: Pflegearbeit in Privathaushalten

Sozialstaat

Artikel 20 Grundgesetz legt fest: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Das Grundgesetz verpflichtet zum Aufbau eines Sozialstaates, der soziale Gerechtigkeit und soziale Sicherung anzielt und ökonomische Ungleichheiten reduzieren soll.

Umfang und Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme sind jeweils Ausdruck der politischen Kräfteverhältnisse. In Deutschland sind diese vor allem an die abhängige Beschäftigung gekoppelt (Sozialversicherungsstaat). Trotz einiger Korrekturen setzen die Sozialversicherungen vergleichsweise stabile Lebens- und Beschäftigungsverhältnisse voraus, so dass das Armutsrisiko überall dort steigt, wo diese Normalitätsannahmen nicht erfüllt sind. Statt eines intelligenten Aus- und Umbaus des Sozialstaats ist es in den letzten Jahren jedoch zu einem Abbau der rechtlichen Ansprüche der Betroffenen und zu einem Systemwechsel hin zur „aktivierenden“ Sozialpolitik gekommen.

Eine andere grundlegende Herausforderung der sozialen Sicherungssysteme liegt darin, sie auf die langfristig steigende transnationale Migration auszurichten.

Aktuelle Projekte: Pflegearbeit in Privathaushalten, Ältere Menschen zwischen Exklusion und Teilhabe

Ethik der Finanzmärkte und des Investments

Die am Nell-Breuning-Institut entwickelte Ethik der Finanzmärkte geht von der Überzeugung aus, dass die Finanzwirtschaft zuerst einmal daran gemessen werden muss, ob sie ihre – für die Gesamtwirtschaft wichtigen – Aufgaben erfüllt. „Finance“ ist kein Selbstzweck – und hat sich doch in den letzten Jahrzehnten zunehmend von der Leistungserstellung für die „Realwirtschaft“ entkoppelt, ist immer mehr zu einem System der Geldvermehrung ohne Leistungserstellung geworden.

Angesichts dieser Veränderungen und der radikalen Umwälzungen, welche die Weltfinanzkrise ausgelöst hat, soll erstens der Blick für die Interdependenzen und Funktionsmechanismen der Finanzmärkte geschärft werden. Zweitens soll das (internationale) Institutionenset der Regulierung auch daraufhin befragt werden, wie es unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten fortzuentwickeln ist.

Mit der Transformation der Finanzmärkte geht drittens ein Wandel der Vermögensanlage einher: wer mit welchen Instrumenten und welcher Finanzierung für welchen Zeithorizont in welche Finanztitel und Immobilien investiert. Solche Investmententscheidungen, deren institutioneller Rahmen ethisch zu reflektieren ist, wirken sich nicht nur auf die Weiterentwicklung des wirtschaftlichen „Produktionsapparates“ aus, sondern – darüber und vermittelt über Immobilien-Investments – auch auf die Entwicklungschancen von Ländern und Regionen, insgesamt also über verschiedenste Wege auf die Lebensperspektiven der Menschen.

Aktuelle Projekte: Was sollen Banken tun?, Servicestelle Finanzsystem und Gesellschaft, Ethische Aspekte der kirchlichen Vermögensanlage in Gewerbeimmobilien

Grundlagen der Wirtschaftsethik und der Christlichen Gesellschaftsethik

Die am Nell-Breuning-Institut betriebene Gesellschaftsethik steht in der Tradition der Katholischen Soziallehre, die gerade im deutschen Sprachraum – im Unterschied zur Moraltheologie – als Institutionenethik konzipiert und betrieben wurde. Einigen Vertretern der Soziallehre gelang es, relevante gesellschaftliche Kräfte in politischen Streitfragen ethisch zu beraten. Eine solche Wirkung konnten sie nur entfalten, weil sie sich ein detailliertes Verständnis der zu gestaltenden Institutionen erarbeitet hatten und neben der Studierstube auch die Arena politischer Auseinandersetzungen betraten.

Die theoretische Grundlage ihrer ethischen Beratung war jedoch das neuscholastische Naturrecht: Deren Vertreter beanspruch(t)en, das überzeitliche Wesen der Dinge – auch der gesellschaftlichen Institutionen – erkennen und so menschliches Handeln verbindlich orientieren zu können. Der direkte Schluss vom Sein auf das Sollen, die Verwechslung partikularer Vorstellungen von einem guten Zusammenleben mit einer ewigen, in der Schöpfung bereits grundgelegten Ordnung und andere Besonderheiten dieser Naturrechtsethik machen es heute unmöglich, Gesellschaftsethik auf einer solchen theoretischen Grundlage zu betreiben.

Deshalb schließen die Mitarbeiter*innen des Nell-Breuning-Instituts in ihrer gesellschaftsethischen Forschung vor allem an solche Moraltheorien an, die Regeln mit einem universalen Geltungsanspruch anzielen, welche es den Menschen ermöglichen sollen, ihre eigenen – nicht selten höchst verschiedenen – Auffassungen von einem gelingenden Leben zu verfolgen. Der Diskurstheorie der Moral kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Zum einen schließt sie an die Legitimationsgrundlagen demokratischer Gesellschaften an; zum anderen lässt sie in der politisch-ethischen Deliberation Platz für die produktiven Beiträge der verschiedenen Kulturen, Weltanschauungen und Religionen als partikularen Ethos-Traditionen.

Wählt man eine solche ethiktheoretische Grundlage, dann spielt die Theologie in der Gesellschaftsethik eine zweifache Rolle: Zum einen erschließt sie den moralisch legitimen Einsatz von Christ*innen für Gerechtigkeit als Glaubenspraxis, als Mitarbeit am Aufbau des Reiches Gottes. Zum anderen kann eine Relecture der Handlungsmodelle der eigenen Traditionen helfen, kreative Anregungen zur Lösung aktueller politischer Streitfragen zu entwickeln.

Aktuelle Projekte: Politische Wirtschaftsethik